Kugelmenschen

Da gibt es die Geschichte des Mannes, dessen Frau stirbt. Ihr war dies bewusst, viele Ärzte hatten bereits den Countdown des Unvermeidlichen eingeläutet.
Am Krankenbett gab sie ihrem Mann eine Liste. Eine Liste mit 365 Dingen. Eine Tat für jeden Tag, eine Aufgabe alle 24 Stunden.
Die Liste begann mit dem Folgetag ihres Todes. Von Dingen wie „schreibe einen Brief an deinen besten Freund Herbert und erzähl ihm den besten Witz, den du kennst, bis „fahr nach München und iss eine Brezel“ war alles vertreten. Der letzte Tag dieser Liste enthielt die Aufforderung, ihre sämtlichen Sachen zu verbrennen und wieder geradeaus in die Ferne zu blicken.

Eine andere Geschichte handelt von einem Mann, der seiner Frau jedes Jahr zum Valentinstag einen Strauß Rosen schenkt, immer mit einer Karte und den Zeilen „meine Liebe wächst“. Nach seinem Tod vergaß die Frau diese Geste. Bis zum Valentinstag, als ein Blumenbote mit einem Strauß Rosen vor der Tür stand. Als sie ihn für diesen vermeintlich rüden Scherz anschreien wollte, teilte dieser ihr mit, dass ihr Mann bereits für viele Jahre im voraus den Lieferdienst bezahlt hatte. Sie schaute auf die Karte, sie trug die Worte „meine Liebe ist unendlich“.

Und dann gibt es dort diese dritte Geschichte. Wieder von einem Mann und einer Frau. Eine normale Ehe. Ein riesiger Blumenstrauß zum Hochzeitstag, eine Überraschungsparty zum 40. Geburtstag. Kleine Neckereien hier, kleine Streitereien dort. Er schlägt gerne mal über die Strenge, so wohl mit Worten, als auch beim Essen. Sie bringt ihn durch ihr charmantes Chaos gerne mal zur Weißglut.
Aber er ist da, wenn es ernst wird. Er ist da, als sie krank wurde, und er ist da, als sie Genesung feiern konnten. Und auch heute noch steht er dort. Immer bereit, ein wenig zu viel kontrollieren zu wollen, aber dabei so voller Liebe, dass ihn die Familie so gut es geht gewähren lässt.

Warum solche Worte auf unserer Seite?

Weil das letzte Paar meine Eltern sind. Von ihnen habe ich nicht nur Geld mit auf die Reise bekommen. Sondern das Bild von zwei Menschen, die immer noch beieinander stehen. Füreinander, miteinander.
Und sollte ich mein Leben mit Aline so zu meistern in der Lage sein, können wir uns glücklich schätzen.

Danke!
Ich freue mich drauf!

On the road again.

Wir nennen uns liebevoll nur noch „Ernie“ oder „Bert“, weil unsere Augenbrauen schon genauso zusammenwachsen, wie bei den Kollegen der Sesamstraße. Oder Yeti, denn ähnlich behaart sind unsere Beine mittlerweile.

Yeah, wir sind auf Campingtour quer durchs Land! Von Perth nach Melbourne, mit ein paar Schleifen an der Küste, circa 4.000 Kilometer.

IMG_1318Und weil Benzin mit zwei Dollar pro Liter plus ein „luftdurchlässiger“ Reifen, der für reichlich Widerstand sorgt, uns ein ordentliches Loch in den Geldbeutel fressen, wird eben wild gecampt. Oder auf einfachen Campingrounds übernachtet, die maximal eine Toilette oder kalte Dusche haben. Und dann wird eben morgens am Hafen der Kopf unter den nächsten Wasserhahn gehalten und zur Irritation der einheimischen Fischer die Haare gewaschen.

Toll ist aber, dass meine Mum zu Weihnachten mit einem iPad beschenkt wurde und uns nun jeden Abend mit Kängurus in Liegestühlen, süßen Katzen unter riesen Hundeohren oder anderen Tieren, die uns stets ein „ohhhhh“entlocken, virtuell eine gute Nacht gewünscht wird.

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IMG_0846 - CopyIn Dunsborough trafen wir Clea und Reto, mit ersterer teilte ich zeitweise in Hamburg die Wohnung und das Leben – letzteres noch immer. Zu viert plus unsere „Guidin“ ging’s mit Kajaks aufs Wasser, um Delphine unter unseren Booten durchschwimmen zu lassen. Auch eine leicht vermasselte Masterarbeit und daraus resultierende große Missmutigkeit und Traurigkeit konnte die Freude, ein Stück Heimat in der Welt zu treffen, nicht schmälern.

Auf unserer Weiterfahrt durch den südlichen Westen Australiens fuhren wir natürlich auf Anraten eines flüchtigen Bekannten aus Ingrids Domizil auch nach Denmark, da man dort so ziemlich alles probieren konnte was angebaut und verarbeitet wurde. Und noch von Jannosch und Franzmann geprägt ließen wir uns demnach die kostenfreien Geschmacksproben jeglicher Art nicht entgehen. Aufgrund einer kleinen Magenverstimmung verzichteten wir jedoch auf die Weinverkostungen und fuhren direkt zur Schweizer Schokoladenmanufaktur (macht ja auch voll Sinn in Australien). Demnach hatten wir extra auf das Frühstück verzichtet und wollten uns den Bauch mit Süßkram vollschlagen. Schon beim Betreten kam uns ein leichter Schokoladenduft entgegen. Kurzerhand später auch die Verkäuferin. Wir schlichen bedächtig um die kleinen Regale auf der Suche nach den Probeschälchen. Wie alle Australier versuchte auch die Verkäuferin gleich mit uns ins Gespräch zu kommen und fragte, ob wir gerade vom Schwimmen kämen. Leicht irritiert verneinten wir dies und erklärten, dass wir letzte Woche das letzte mal am Strand gewesen wären. Damit aber nicht genug und man hätte es auch einfach dabei belassen können… Aber nein, sie versuchte sich zu rechtfertigen, nachdem Aline fragte wie sie darauf käme. Ihre Haare würden noch nass aussehen.
Mit betretenem Schweigen verließen wir den Laden – da wäscht man sich mal einen Tag die Haare nicht und schon sieht man aus, als hätte man den Kopfsprung in die Fritteuse gewagt. Anschließend brachen wir in Tränen aus – vor lachen. Halb wiehernd, kreischend und mit hochroten Köpfen fuhren wir zum nächsten Ziel. Diese Situation war einfach zu gut gewesen…
Aber ein paar Kilometer weiter wurden wir weder auf unsere Pommesfrisur noch unsere Badegewohnheiten angesprochen, sondern bekamen vom traditionellen Toffee bis hin zum Mangotoffee alles in den Mund geschoben.

IMG_0931 - CopyAnschließend ging’s zu einer Farm, auf der man Koalas und Kängurus streicheln konnte, erstere stinken wie ein Rudel läufiger Füchse… Danach ging’s zu den Alpakas. Neben uns stand eine Familie mit zwei kleinen Kindern, die große Augen machten, als „Macho“, das männliche Alpaka, seiner Liebe zu seiner weiblichen Artgenossin körperlichen Ausdruck verlieh. Erklärungen wir „die üben Bockspringen“ und darauf folgende Kommentaren der Kinder wie „die können das aber nicht sehr gut“, sorgten zum zweiten Mal an diesem Tag für reichlich Erheiterung bei uns.

Als wir die vielen hundert Kilometer quer durch Australiens „Nichts“ zurück gelegt hatten, landeten wir in Whyalla.20130131-134442.jpg Der Weg dorthin war gesäumt mit am Straßenrand liegenden Kängurus – wir redeten uns ein, dass sie nur ein kurze Nickerchen in der Sonne halten würden… Achja, wir sind die Strecke übrigens im Pyjama gefahren. Eigentlich wollten im Adamskostüm durch die Wüste zockeln, das erschien uns dann jedoch angesichts der beträchtlichen Anzahl von Vorgängern unseres Vans dann doch ein wenig unangenehm.
Also, Whyalla, eine Stadt, die wegen der metallverarbeitenden Industrie besteht. Nur leider nicht den Charme der Geschichts-trächigeren Verwandten des deutschen Ruhrpotts besitzt. Also flüchteten wir an den Strand. Und trafen ihn! Marcel! Den 65 jährigen Franzosen, der schon seit über 30 Jahren in Australien lebt, drei Mal verheiratet war (die letzte Ehe hielt stolze fünf Monate) und seit zehn Jahren nur noch mit dem Camper durchs Land zieht – nachdem er seine sieben Restaurants verkauft und seiner damals zweiten Frau das Haus geschenkt hatte (viele Zahlen, aber der Mann ist uns ja auch ein Rätsel). So saßen wir am Abend mit ihm am Campervan und tranken Wein aus einem Tetrapack mit integriertem Zapfhahn (und das bei einem französischen Koch). Spannend war’s trotzdem, auch wenn man die Geschichten recht bald kannte. Denn Marcel hat die Gedächtnisspanne eines Goldfischs und wiederholte sich im Stundentakt. Nachdem wir ihm abends erzählt hatten, dass ich keinen Fisch mag, war er am nächsten morgen äußerst erstaunt, dass ich keine Krebse zum Abendessen wollte.
Wir sind gespannt, ob er sich nachher noch an das Soja-Hühnchen erinnern kann, was er uns vorhin zum Abendessen versprochen hat.

Erkenntnis des Tages: im Dunkeln ist gut munkeln mit Furunkeln.

…und wir fragen uns, was die Welt im Innersten zusammen hält…

Es wurde einfach mal Zeit für Gedankenfetzen! 🙂

– wir teilen uns gerade eine Wohnung mit Bernie Fraser (in Ingrids Hinterhof), ein ehemals riesen Rugby-Star der „All Blacks“ (Neuseelands Nationalmannschaft) und Vater von Brooke Fraser, der Sängerin. Bernie kümmert sich super um die Wohnung (Musik voll aufgedreht und aus voller Kehle sämtliche 80er Hits mitschmetternd putzt er die Küche) und raucht wie ein Schlot, hat aber mit geschätzten 50 Jahren immer noch Oberarme wie ein Tier. Achja, und er muss sich um Ingrids Garten kümmern. Sehr lustig, denn dort steht nun auch ein Waschbecken in Kelchform, welches liebevoll geschmückt wurde, weil Ingrid nicht mehr wusste, wohin damit…

– auf den Song von McHammer sieht einfach jede Tanzbewegung von uns Bewegungslegasthenikern lustig aus (besonders mit Cowboyhut und Taucherbrille… Coming soon!)

– Sushi ist hier billiger als ein halbes Hähnchen

– unsere Bettlaken riechen nach Katze, wir glauben aber mittlerweile, dass es das Waschmittel ist. Oder Asshole (ja, so heißt Ingrids Katze wirklich…) legt sich nach jedem Wachgang einmal in jeden Korb…

– Barbecue ist hier das „Barbie“ und McDonalds nennt sich in der Werbung selbst „Maccas“

– miete keine Campervans von „Wicked Camper“, den Namen haben sie scheinbar nicht ohne Grund… 😉

– wir werden versuchen, ein Ei auf unserem Auto zu braten. Geht wohl eigentlich nicht. Aber wir vertrauen auf unsere Mini-Spiegel aus dem Kulturbeutel und einer Spielzeuglupe, die wir uns noch zulegen werden.

– werden Kängurus langweilig, wenn man sie zu oft am Straßenrand sieht?

– müssen wir uns noch ein Schäufelchen kaufen? Im Camper gibts keine Toilette…

– das erste, was wir tun werden, wenn wir unseren knutschigen Camper abgeholt haben:
Hose aus und nackt fahren. Warum? Weil wir’s können 🙂

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Ja, wir schämen uns nicht für langweilige Momente, die sinnvoll genutzt wurden 😉

Zwölfter Neunter

Seit dreihundertfünfundsechzig Tagen waren wir kaum mehr als drei aufeinanderfolgende Tage vom anderen getrennt und in den letzten 58 Tagen haben wir es, wenn es hoch kommt mal auf eine knappe Stunde gebracht. Und in all diesen Tagen gab es nie auch nur einen Moment in dem wir nicht geredet haben, keinen in dem wir uns anschweigen mussten. Wir reden auch wenn wir nichts sagen. Wir verstehen uns auch wenn wir nichts sagen.

In den letzten zwei Monaten flogen, fuhren, liefen, ja reisten wir und schliefen fast jeden Abend in einem anderen Bett nebeneinander ein und dennoch fühle ich mich angekommen wie noch nie zuvor.

Ich kann abends stundenlang wach liegen, doch sobald ich mich an dich kuschle schlafe ich ein. Ich kann innerlich panisch sein, weil wir inmitten einer Großstadt ohne Navi stehen und mir reicht ein Blick zu dir rüber und ich werde ruhiger. Ich möchte im Fitnessstudio die Gewichte gern aus dem Fenster werfen oder beim Crosstrainer bei der Zeit schummeln und mache es nicht, weil ich dich beeindrucken möchte. Wenn ich beim Joggen schon eher den Rückweg antrete, dann bleibe ich an der Abzweigung stehen und warte auf dich, weil ich weiß, dass du meist schneller als dein Orientierungssinn bist. Ich geb dir vom Käsekuchen am Liebsten das erste Stück, weil ich weiß, das es das beste ist. Ich kann mich stundenlang wie ein kleines Kind freuen, weil ich beim Einkaufen im australischen Supermarkt eine kleine Packung Kinderschokolade für dich gefunden habe. Ich lasse dich an die Decke springen und maulig sein, weil du mein Knurzel bist.

20130109-171612.jpgEin Jahr. Für die, die schon im zweiten sind ein Kinderspiel. Für die, die noch weiter sind fast gar nicht mehr der Rede wert. Für uns ist dieser Tag aber noch immer so aufregend wie der erste und deshalb stoßen wir jetzt mit gekühltem Sparkling im Elternhaus der französischen Hauptstadt auf uns an.

Erkenntnis des Tages: auch mit dem AOK-Schopper werde ich noch an jeder Kreuzung auf dich warten und freue mich darauf mit dir die Kukident zu teilen.

Wenn das Handy größer ist als die Hose.

Zusammenfassung eines Musik-OpenAir-Events:
Wenn die Musik zum „Einspielen“ der Boxen während des Einlasses besser ist als 80% der DJs, ist das schon mal kein gutes Zeichen…

IMG_0586Los ging’s um zwölf Uhr mittags, bei 40 Grad und strahlendem Sonnenschein. Also schnell mal ins schattige Plätzchen hinter einer gelben Mülltonne verkrümelt (das war nämlich der einzig verfügbare Schatten auf dem ganzen Gelände).
Ach nein, stimmt nicht, unterhalb des Tresens vom Chickengrill gab’s auch noch ein Eckchen. Wir saßen dort noch keine zwei Minuten, da setzte sich eine blonde, leicht schief drein schauende Australierin (mit viiiiel zu kurzer Hose und quasi keinem Oberteil) mit folgenden Worten zu uns „Idrukneedschdeeee“. Äääähhhh… Was??? Also, mal nachfragen. Darauf folgende Antwort: „Imdrnkndschade“. Öhm ja, also nochmal fragen… Sie schaute uns ernst in die Augen und wiederholte „I’m drunk and I need some shade“. Ahhhh, jetzt wurde ein Schuh draus! Eigentlich hätten wir auch direkt drauf kommen können… Richtig ansehnlich wurde anschließend das halbe Hähnchen, was sie mit ihren Fingern und dem halben Gesicht aß.

IMG_0677Um 20:30 Uhr wurde die Musik dann endlich gut, danke Maja Jane Coles! In Deutschland wäre die partywütige Meute aufgeregt durch die Gegend gesprungen, hier füllten sie gerade mal drei Reihen. Richtig verrückt. Wir wollten zwischenzeitlich gerne auf die Bühne springen und sie umarmen mit einem riesen Sorry und einer Erklärung, dass unsere australischen Altersgenossen einfach keine Ahnung haben… (Naja, die meisten Altersgenossen. Ein Teil hatte hundert pro noch nen zweiten Ausweis mit dem passenden über-18-Alter…) Aber wir konnten spitzen Fotos machen! Und Booka Shade danach waren auch ein Kracher!

Bis Abends: Kirmestechno, solcher, den der gemeine Autoscooter-Einparker gerne gegen Ende seiner Schicht nochmal richtig schön laut aufdreht. Ansonsten gab es eine Mischung aus David Guetta und Scooter. Herrlich, damit die männliche feierwütige Meute sich einfach breitbeinig hinstellen konnte und nur noch zum Takt die Arme in die Luft warf und lässig mit den Fingern Richtung Bühne wippte.

IMG_0613Das Publikum: total verrückt… Dass der VintageLook hier „state of the art“ ist, hatten wir ja nun schon mitbekommen. Hier hieß es jedoch, einfach die alte Jeans, die mal zur Kommunion gepasst hat, auf Höhe der Hosentaschen abzuschneiden (sodass die Hosentasche immer noch unten rausschaute) und anschließend bis zu den Armen hochzuziehen. Insofern praktisch, als dass kein BH mehr nötig war, die Brüste wurden vom Hosenbund gehalten. Als Oberteil diente in der Regel ein Stoffstreifen, ein halber Badeanzug oder einfach Omas Häkeldeckchen.

Fazit des Tages: wir hoffen sehr, bald endlich einen PC zu finden, um die Fotos hochladen zu könne. Denn die ansehnlichsten Exemplare haben wir alle fotografiert! 😉

Wilfried, Ingrid und Helmut

Nun sind wir schon 16 Tage in Australien. Nachdem sowohl unsere Muddis als auch unsere Freunde schon öfter die Zeilen „ihr habt aber lange nix mehr geschrieben“ fallen ließen, gibt es dann heute den ersten Eintrag über Australien. Da uns der gemeine „erst waren wir da, dann dort, dann hier“-Bericht zu langweilig vorkommt, schreiben wir einfach über die interessantesten Personen und die damit verbundenen Geschichten, die uns hier über den Weg gelaufen sind.

Wilfried und Anka: nach lustigen 17 Stunden Flug, in denen wir diverse Episoden einer unserer Lieblingsserie geschaut haben, kamen wir irgendwann in Perth an. Wir mussten übrigens alle Folgen nochmal schauen, da ich während des Fluges eher mit nervösem aus-dem-Fenster-schauen beschäftigt war und die Handlung nicht so richtig verfolgen konnte… Mit einem 7-Stunden Jetlag ging es dann in unserem zuckersüßen Bed and Breakfast von Wilfried und Anka nachmittags ins Bett – bis um 14:00 Uhr am Folgetag. Die beiden lieben spät-Hippies in ihren 50ern halfen uns anschließend mit Tipps zur Umgebung fürsorglich weiter. Nachdem wir Socken und Schlüpper im Waschbecken mal wieder der Handwäsche unterzogen hatten, hingen wir sie zum Trocknen ins Bad. Als wir wieder kamen, hatte Anka sie netterweise auf ihre Leine gehängt. Herrlich, stinkende Socken und Sonntag-fast-Feinripp-Schlüpper, die man sonst bei anstehendem Besuch hinter den großen Handtüchern auf der Wäscheleine versteckt, liebevoll von der B&B-Muddi aufgehängt. Dazu unser Credo: Mut zur Baumwolle, Mädels.

Mehr aus Spaß schauten wir nach möglichen Jobs, und zack, hatten wir einen Weihnachts-Putzdeal, was uns zu unserer nächsten Bekanntschaft bringt:

Richard und Gemma: viele Emails und ein wenig Gehaltspoker später hatten wir einen Putzjob vom 22. bis 25. Dezember. Bei Richard, seiner Frau Gemma und den drei Kids (zwei Jungs und ein Mädchen. Wir haben noch nie so viel rosafarbene Sachen gesehen!), eine äußert wohlhabende Familie mit riesen Haus im Süden von Perth. Richard schrieb seine Mails ohne Punkt und Komma, was vollkommen zu seinem Sprachstil passte. Ein ums andere Mal schauten wir uns dezent verwirrt an und versuchten aus dem Kontext zu schließen, was er von uns wollte. Achja, Gemma sprach noch schneller, und liebte smalltalk. So versuchten wir möglichst immer in der Nähe des anderen zu bleiben, um bei völliger Ahnungslosigkeit dem anderen helfen zu können. Aber zur Erklärung: australisches Englisch klingt wie eine Mischung aus britischem Englisch und dem typischen rollenden „R“ der Amerikaner, gesprochen von einer 80 jährigen Dame mit dritten Zähnen und äußerst schlechter Haftcreme, die sich vorher schon schön ein paar Likörchen in den Kopf geschüttet hat.
Am 23. zogen wir dann bei Wilfried und Anka aus, und bei Ingrid ein:

Ingrid: durch eine mit dem Hobbybaukasten erstellte Internetseite mit einem Faible für IMG_0748 - Copyfiese Grüntöne wurden wir auf Ingrid aufmerksam. Ein für australische Verhältnisse unschlagbarer Preis ließ uns über Zweifel hinweg sehen und ein paar Nächte buchen. Eine gute Wahl! Man darf sich nur an etwas strengem Katzengeruch nicht stören… Ingrid ist eine kleine, leicht christlich angehauchte Österreicherin mit blondierten Haaren in ihren späten 70ern, die schon seit 30 Jahren in Australien lebt. Dabei aber einen Akzent hat, als sei sie frische Absolventin des Anfänger-Volkshochschulkurses und wollte ihre neu erworbenen Fähigkeiten mal in fremder Umgebung ausprobieren. Nichtsdestotrotz ein herzensguter Mensch, der uns direkt fünf Dollar Rabatt anbot (einfach, weil Weihnachten war) und auch mit Tipps und Ratschlägen zur Seite stand. Mittlerweile wohnen wir übrigens wieder bei ihr, und haben einfach so nochmal einen 25Dollar Rabatt bekommen. Kann man ma machen. Man muss sich eben nur an Katzen und furchtbar dreckiges Geschirr gewöhnen (wir hoffen einfach mal, dass das aus einer dem Alter geschuldeten Sehschwäche resultiert…).

Nach den arbeitsreichen Feiertagen (wir haben vorher noch nie im Leben Wände mit Gallseife geschrubbt) und Muskelkater in den Unterarmen (ich bin wirklich ein Weichei…) ging es nach Fremantle, dem am Hafen gelegenen Teil von Perth. Herrlich, noch teurer… Abends dachten wir uns aber, was kostet die Welt?! (ah, doch soviel… Na gut, dann nehmen wir ne kleine Cola…) also ab in die Weinbar, wo wir Sabrina kennen lernten.

Sabrina:
Während Aline am Tisch saß, habe ich ihr lautstark die Speisekarte, die auf einer kleinen Tafel angeschrieben war, vorgelesen. Daraufhin winkte mich eine kleine, unverschämt braungebrannte Frau zu sich heran. Nachdem ich beim dritten Winken dann auch verstanden hatte, dass sie mich meinte, bin ich also zu ihrem Tisch gegangen, wo sie mir erklärte, wir könnten gerne ihre Reste haben, sie würde sowieso nicht alles essen. Jut jut, ist uns bis dato auch noch nie in einem Restaurant passiert. Öfter mal was Neues…Nach dem dritten Mal Ablehnen ließ ich mich dann breit schlagen und wollte im Gegenzug wissen, was sie trinkt, damit man sich revanchieren könne. Man hat ja hin und wieder eine gute Kinderstube genossen… und was trank die Frau? Champus, na herzlichen Glückwunsch…
So lernten wir also Sabrina kennen, die kleine Samoanerin, Mitte 50, die drei Kinder allein großgezogen hatte und die, da sie gerade keine Wohnung hatte, in ihrem weißen Lieferwagen gegenüber der Weinbar nächtigte. Ist auch viel praktischer, spart man sich das Taxi und kann mehr Champus trinken. Sie erzählte uns dann übrigens auch ein paar Geschichten von ihrer Tochter, die Ärztin ist und ein paar Monate auf Madagaskar gearbeitet hatte. Dort gibt’s keine Anästhesie, für Kaiserschnitte darf die werdende Mama auf ein Stück Leder beißen und sich bitte nicht so anstellen.
Hach, nicht schwanger zu sein ist doch was Tolles…

Zum Abschluss noch die Begegnung des heutigen Tages:
Helmut!
Wir sitzen nichtsahnend und deutsch redend (das müssen wir uns echt abgewöhnen, das zieht immer komische Menschen an) in einem Café, plötzlich steht Helmut neben uns. Der Fußball-Talentsichter und Sportjunky in seinen späten 50ern, der zwar Deutschland vor 30 Jahren verlassen hat, sein fränkischer Akzent hatte aber wohl beschlossen, ihn nicht alleine in die Fremde gehen zu lassen… Und dann machte ich den idiotischen Fehler, ihm zu sagen, dass ich Fußball spiele. Zack!! Wurden Salzsteuer, Pfeffermühle und Zuckersticks zu Toren, Gegnern und Spielsituationen, und es gab Taktikunterricht und Techniktrainingseinheiten gratis. Mehrmaliges „wir müssen aber langsam los“ von Aline wurde überhört, er selbst stellte im Zehnminutentakt fest, dass er eigentlich noch Termine hatte, aber das Fußballfieber hatte ihn gepackt. Das ganze wurde dann noch mit Anekdoten aus seiner Familie gespickt. Denn Helmut hat drei Söhne und eine Tochter. Die Namen der Söhne (wir schwören beim heiligen Ray Ban!): „Helmut Daniel“, „Daniel Helmut“ (und jetzt kommt der Knaller: das sind Zwillinge!!) und „Marcel Helmut“. Wir haben dann aber nicht mehr gefragt, ob seine Tochter Helmine heißt…

Erkenntnis der letzten Tage: Busfahrer sind hier super nett, aber man muss mit dem iPad Bus fahren, denn die Haltestellen haben erstens nur Nummern und werden zweitens nicht angesagt (man sagt aber immer „danke“, wenn man aussteigt). Ein Weihnachten bei 40 Grad ist eine seltsamste Sache. Aber hier kann man den ganzen Tag lang Surfshorts tragen, auch an Weihnachten. Und Weihnachtsbäume verlieren hier vor Scham über ihr eigenes furchtbares Aussehen schon vor Weihnachten alle Nadeln.

Wasserfall, Wolkenbruch und Wald- und Wiesenmedizin

Wir haben natürlich nicht vergessen, dass der madagassische Reisebericht noch nicht vollständig ist. Hier also die Fortsetzung unserer Reise 🙂

IMG_0354Nachdem wir unter dem romantischen Regenschauer in unserem Zelt geschlafen hatten, wurden wir morgens geweckt. Um 4:30 Uhr. Von einem Hahn. Der einen Meter neben unserem Zelt stand. 15 Minuten lang. Wir hatten selten mehr Lust auf Chicken McNuggets, als in diesem Moment…

So ging es dann um sechs Uhr morgens wieder in unser Boot. Den Durchfall hätten wir gerne im Dorf gelassen, aber irgendwie fand es dieser fiese Zeitgenosse echt nett, mit uns zu reisen.
Nächster Halt gegen 10:30 Uhr, der Wasserfall. Wirklich tolles Teil! Komplett versteckt im madagassischen Urwald und nur über den Fluss erreichbar, fallen da viele viele Liter Wasser einfach die Klippe hinab. Und wir standen mitten drin und konnten endlich mal wieder Wasser über unsere Körper laufen lassen. Die Erfrischung hielt allerdings nur fünf Minuten an, nachdem wir das Wasser verlassen hatten. 45 Grad sind halt 45 Grad.

Also wieder in den Baumstamm. Auf zum nächsten Dorf, um Mittag zu essen. Naina hatte mal wieder fürstlich gekocht, wir verzichteten leider auf alles bis auf Reis und Bananen. Der Durchfall halt… Und zurück in den Baumstamm. Irgendwie war es stiller als vorher, wer oder was fehlte, merkten wir am Abend.
Als wir circa zehn Minuten später hinter unseren Sonnenschirmen hervor lugten, lächelte uns eine dunkle Wolkenwand ein wenig bedrohlich entgegen. Unsere Bootsmänner, die das Spektakel wohl kennen, verstauten sofort all unser Hab und Gut in Plastiksäcken. Und drei Minuten später ging dann mal kurz die Welt unter. Die Regenjacke wurde schnell zur unnötigen Requisite, denn gegen sehr viel Wasser in sehr kurzer Zeit hilft einfach nur die Plastikplane. Hatten wir leider gerade nicht griffbereit. Achja, zur Erinnerung: wir saßen in einem Baumstamm. Wie in einer schwimmenden Badewanne wurde es dann auch schnell von unten nass. Irgendwann haben wir uns einfach in unser Schicksal ergeben und warteten ab. Blöd nur, dass die Rucksäcke scheinbar doch nicht richtig eingepackt waren. Flusswasser durchtränkte Klamotten in einem Rucksack, zwei Tage alt… Wir sollten erfahren, welch herrliches Odeur das erzeugen kann.IMG_0503

Unser Tag endete schließlich auf einer Sandbank. Und da erkannten wir auch, warum es mittags ruhiger war. Unser Hühnchen hatte in der Mittagszeit den Weg ins Licht angetreten und wurde gerade auf dem Mini-Kohlegrill zur Barbecue-Hauptattraktion. (Wir hätten ja lieber den Hahn aus dem Dorf dort gesehen…)
Danach ging es auch schon ins Zelt, natürlich nicht, ohne einen Blick in den Himmel geworfen zu haben. So viele Sterne haben wir definitiv noch nie im Leben gesehen. Das hat die nächtlichen Gänge in den Busch (hallo Durchfall) definitiv sehr viel romantischer gestaltet.

IMG_0469Am nächsten Morgen ging es früh weiter, sodass wir mittags am Endpunkt der Bootsreise waren. Da wir jedoch viel zu früh waren, mussten wir noch zwei Stunden im Dorf auf unseren Fahrer warten. Wir waren mal wieder Hauptattraktion. Kinder kamen aus allen Ecken und Häusern. Mit Fingerspielen und Steinen konnten wir uns prima verständigen und unterhielten die Dorfgemeinschaft „spielend“.

Dann ab in den 4×4 Geländewagen auf den Weg in den Kirindi-Forest, wo wir abends Lemuren und Fussa beobachten wollten. Ich bin durch die Fahrweise meines lieben Papas schon wirklich einiges gewohnt. Vergessene Ausfahrten auf der Autobahn, die noch im 45Grad-Winkel mit dem Auto problemlos überwunden werden oder Joghurt essend und dabei Emails lesend bei 180km/h, alles kein Problem. Aber mit dem Geländewagen über Madagaskars „Hauptstraßen“… Alter Schwede. Ein Feldweg, an dem kaum zwei Autos aneinander vorbei passen, bestehend aus roter Erde, Löchern, Hügelchen und den dazugehörigen Tälern. Ich dachte schon, schlechter kann dir bei einer Autofahrt nicht mehr werden. (Konnte es doch…) dazwischen ein liegen gebliebener LKW. Was also tun? Einfach dran vorbei fahren! Schon mal auf zwei Rädern gefahren mit der Sorge, dass das Auto gleich aufs Dach kippt? Treibt einem schon ein wenig den Schweiß auf die Stirn.
Zwischenhalt machten wir in einem Dorf. Die Toilette war eine Bambuszaun, hinter dem es furchtbar roch. Es gab wieder Reis. Ah, und getrunken wird Reiswasser. Der angebrannte Bodensatz wird noch einmal mit Wasser aufgekocht. Klingt eklig, ist aber so.

Dann die Ankunft im Wald. Wir hatten uns auf irgendwas Hotel-artiges gefreut. Naja, es wurde der Bretterverschlag. Aber es gab Strom! Jedenfalls abends von halb acht bis zehn… Und Wasser. Jedenfalls kaltes. Und eine Toilette, jedenfalls die Schüssel, auf die Klobrillen wurde verzichtet. Wir mussten leider auch auf Wanderungen und Führungen verzichten, da unser Durchfall mal wieder keine Spaziergänge ohne Toilette-to-go zugelassen hätte. Tiere sahen wir trotzdem reichlich. Sie spazierten einfach vor der Tür vorbei.

IMG_0534Vom Durchfall dann doch langsam ein wenig genervt, ging es morgens durch die Straße der Baobab-Bäume nach Morondava, um einen Arzt zu finden. Die Bäume sind beeindruckend (Fotos folgen!). Bis zu 600 Jahre alt, ein dicker Stamm, keinerlei Äste, und dann eine äußerst imposante Baumkrone, die an die Wurzeln eines Baumes erinnern.
Kurz zu erwähnen: Straßen wieder ein Knaller, für 60 Kilometer brauchten wir knapp zwei Stunden.

In Morondava angekommen ging es zum Arzt. Naja, das war eine Dame in einem Privathaus, in einem dunklen Zimmerchen. Sie verschrieb dann Pulver und Kapselchen. So richtig wohl war uns dabei nicht. Also fragten wir Naina, ob wir nicht zurück nach Antananarivo fahren könnten. Wir hofften auf ansatzweise medizinische Versorgung… Zum Glück war unsere Fahrer vom Anfang im gleichen Ort und wir konnten zurück fahren. Auch hier galt wieder „Mura Mura“, immer mit der Ruhe. Der Tankdeckel wurde vergessen. Das Problem wurde mit einer Plastiktüte und Gummibändern behoben. So ging es auf zu weiteren 13 Stunden Fahrt, für knappe 600 Kilometer. Serpentinen hoch und Serpentinen runter. Die letzten zwei Stunden in Dunkelheit, die Sonne hatte sich auch irgendwann verabschiedet. Und dies wurde zur fiesesten Autofahrt überhaupt. Durch die MediIMG_0556kamente vollkommen müde und somit nicht in der Lage, sich auf die Straße zu konzentrieren, kämpfte man irgendwann mit Orientierung, Schwindel und Übelkeit. War ich froh, als die Lichter von Antananarivo endlich irgendwann auftauchten. Leider war die Sprache irgendwann auch Schwindel und Co. zum Opfer gefallen, sodass ich vom Auto, ohne ein Wort zu sagen, in die Lobby des Hotels steuerte, um mich am Hocker vor der Rezeption festzukrallen und mich anschließend von Aline ins Zimmer bringen zu lassen. Sorry Jungs, ihr wart alle toll und die Woche war ein Abenteuer!

Am nächsten morgen und einem Gespräch mit Alines Schwester später, buchten wir unseren Flug zurück nach Johannesburg um und flogen drei Tage eher ab. Achja, das eine Medikament der Ärztin ist in Deutschland nicht einmal zugelassen und das andere konnte den Durchfall erst noch einmal verstärken.
Es lebe die madagassische Medizin!

Erkenntnis der Reise: Durchfall kann richtig blöde sein. Kurvige Straßen in der Nacht auch. Aber ein solches Mini-Abenteuer schweißt noch mehr zusammen und hilft dem verwöhnten Europäer, ab und zu mal die Brille wieder gerade zu rücken.

Erste Zwischenbilanz

Nun sind die ersten anderthalb Monate fast vorbei. Jetzt wäre so die Zeit, aus einem längeren Urlaub zurück zu kehren. Für uns geht es jedoch weiter zum nächsten Kontinent. Aber, so auf dem unheimlich gemütlichen Bett sitzend und dabei in den blauen Himmel von Johannesburg schauend, kann man auch mal ein kleines Zwischenfazit ziehen.
Zwei Länder haben wir nun kennen gelernt. Eines, in dem eine Kluft innerhalb der Gesellschaft zu jeder Sekunde spürbar ist. In dem Armut und Reichtum manchmal nur wenige Straßen voneinander entfernt liegen. Ein Land, das wir mit offenen Augen erkundet haben, was uns sich jedoch nur bis einem gewissen Grad eröffnet und geöffnet hat.
Ein anderes Land, dessen Armut uns bekannt, jedoch nicht derart bewusst war. Eines, das uns unseren Luxus und diverse Selbstverständlichkeiten vor Augen geführt hat, ohne es uns ins Gesicht zu sagen oder uns vorzuwerfen. Einfach eine Selbstverständlichkeit der Einfachheit, die beeindruckte, erstaunte, verwirrte, verunsicherte und bewusst machte.

Aber abgesehen von den vielen unterschiedlichen Eindrücken, die beide Länder für uns bereit hielten, hatten sie doch eines gemeinsam: Sonne!
Für einen Europäer kurz vor Weihnachten ist dies einfach nur ein äußerst befremdliches Wetter. Die Australier bekommen gerade Sommerferien. Sommerferien! Weihnachten in den Sommerferien! Alte dunkelhäutige Männer in kurzer Shorts, angeklebtem Bart und roter Zipfelmütze. Santa wäre sicher stolz auf eine solche Vielfalt … Wir jedoch vermissen ein wenig den von Coca Cola Anfang der 30er ins Leben gerufenen dicken alten Mann mit rotem Anzug und Rauschebart. Außerdem sehen Lichterketten in Palmen wirklich seltsam aus…
Und der Schnee… Wären wir in Deutschland, würden wir meckern. Aber Freunde, es muss halt eben alles seine Ordnung haben! Ich laufe ja auch nicht an Ostern im Bikini durch die Gegend…

Und dann ist da natürlich das noch: anderthalb Monate, 24 Stunden beieinander. Anderthalb Wochen abwechselnden Dauerdurchfall, schlechte Laune und Dünnhäutigkeit wechselten sich mit Schreckhaftigkeit ab – Malarone sei dank. Und trotzdem waren es fantastische anderthalb Monate. Ausnahmslos dem Credo folgend „es darf immer nur einer panisch werden“, konnten wir alles meistern. Gab es Dinge, die störten, wurde darüber geredet. Gab es Dinge zu teilen, wurde darüber geredet. Lag jemandem etwas auf der Seele, wurde geredet. Wurde der zweite auch panisch – wurde sich zusammen gerissenen und das dezent verschwiegen.
Und jetzt sehe ich hinab auf Aline, wie sie nichtsahnend über diesen Artikel auf meinem Bauch liegt und ständig ein bereites Grinsen aufgrund irgend eines drittklassigen Amifilms auf den Lippen hat. Die Frau, die mir immer noch nicht auf den Keks geht. Bei der ich mich immer noch unsagbar freue, abends neben ihr zu liegen, auch wenn es die 90cm Liege in irgend einer abgeranzten Hostel-Butze ist.
Ich vermisse meine Familie und meine Freunde wirklich oft. Ich weiß, sowas macht man nicht auf Weltreisen, aber ich bin eben ein kleines Weichei. Und ich freue mich jede Minute, diese Reise mit dieser tollen Frau zu machen!

Erkenntnis des Tages: tolle Frau, tolle Freunde und tolle Familie Zuhause und ein echt beschissener Film im Fernsehen! – Und ich weiß, Aline wird beim Lesen Pipi in den Augen haben 😉

Eine Bootsfahrt, die ist lustig…

Frisch und fröhlich ging es am nächsten Morgen weiter. Über Stock und Stein und Schlaglöcher in denen man locker hätte stehen können bahnten wir uns unseren Weg nach Miandrivazo, dem heißesten Fleck Madagaskars. Bei knusprigen 40 Grad im Schatten (die Sonne stand im Zenit und somit gab es gar keinen) checkten wir in unseren Bungalow ein. Die Nacht war trotz Ventilator der blanke Horror und wir machten kaum ein Auge zu. Zudem war ich den restlichen Nachmittag ans Klo gebunden. Die Toilette war zum Vergnügen aller Beteiligten nur durch einen Vorhang vom restlichen Zimmer getrennt. Uns kann jetzt wirklich nichts mehr entzweien…
Morgens wurden wir früh abgeholt und kauften in der Apotheke noch schnell ein paar Kräuter, etwas Pulver, Cola und Klopapier um die Fahrt zu überstehen. Dann wurden wir samt unseres Gepäcks mit einem Pousse Pousse zum „Hafen“ der Stadt gefahren. Es handelt sich dabei um eine kleine überdachte Sitzfläche mit Fahrrad vorne dran. Ein einziger Gang, verrostete Kette, aber die Fahrradklingel stets in der Hand des Fahrers – da der Lenker derart verrostet war, dass nicht mal mehr ein Taschentuch dran gehalten hätte. Unsere beiden Pousse Pousse Fahrer dürften am nächsten Tag den Muskelkater ihres Lebens gehabt haben… Kurz darauf saßen wir auch schon in unserem Pirogue, nachdem wir beim halben Dorf mit unserer Sonnencreme für Belustigung sorgten. An Bord dieses zehn Meter langen ausgehöhlten Baumstammes befanden sich unser ganzes Hab und Gut, unser Guide, zwei Bootsmänner, zwei Einwohner aus einen anderen Dorf, der quasi per Anhalter mitfuhren, Töpfe, Zelte und unser Highlight: ein lebendiges Huhn. Was es damit auf sich hatte erfuhren wir ein paar Tage später. Es war jedenfalls nicht als Reisemaskottchen gedacht…

IMG_0333Nicht mal eine Stunde nach Abfahrt, also gegen 8Uhr, zückten wir bereits unsere Regenschirme, die wir als Sonnenschirme zweckentfremdeten. Der Schirm war nun auch eher grobmaschig genäht, dass die Sonne uns immer noch tierisch auf unseren nordischen Teint brannte. Während wir die Landschaft, die an beiden Seiten an uns vorbei zog, genossen, bereitete unser Guide bereits das Mittagessen vor. Nein, es gab keine belegten Brote, sondern er heizte die Kohle ein und kochte Reis, Schnitt nebenher Gemüse und wusch alles Benutzte im Fluss, der die Farbe von rötlicher Vollmilchschokolade hatte. Und das alles machte er auf dem Boot und versicherte uns, dass er eben dieses nicht abfackeln würde. Nachdem wir unsere Mitfahrer hinter der dritten Gabelung links abgesetzt hatten, legten auch wir an und machten Mittagspause. Unsere Mägen schienen schon zu ahnen, was ihnen die nächsten Tage hervorstehen würde… Aufs Klo mussten wir ab diesem Zeitpunkt nun beide. Ständig. Wir erklommen einen steilen Hang, kämpften uns durch fünf Büsche und ließen die Hosen runter in der Hoffnung, uns würde nichts in den Hintern beißen. Dann machten wir einen kleinen Mittagsschlaf am Ufer im Schatten, da es zu warm zum Weiterfahren war.
Als wir weiter fuhren sahen wir immer wieder kleine Kinder ans Ufer rennen und winken. Sie riefen „Vasa,Vasa“ und freuten sich, IMG_0337begleiteten uns meist einige Meter am Uferrand und verschwanden dann wieder. Naina erklärte uns, dass alle, die nicht dunkelhäutig waren „Vasa“ genannt werden. Kein Schimpfwort, sondern einfach nur die Bezeichnung für das mehr oder weniger Unbekannte, das weiße.
Nach vier Stunden auf der einen Pobacke und vier Stunden auf der anderen Pobacke sitzend war nun der ganze Hintern taub und wir erreichten das Dorf in dem wir schlafen wollten. Auch hier kamen uns Kinder entgegen, guckten uns mit großen Augen an, nahmen uns an der Hand und zogen uns durch das Dorf,mwelches aus fünf Hütten bestand. Einfache Bambushütten, irgendwo an einem Flussufer, verrückt… Während die Bootsmänner und Naina alles auspackten und das Abendessen vorbereiteten, versuchten wir mit den Kindern zu kommunizieren. Unsere Kamera faszinierte sie auf jeden Fall schon mal und so machten wir einige Fotos. Unser pinkes Handtuch mussten wir mit Händen und Füßen verteidigen. Danach saßen wir uns gegenüber und schauten uns an. Wir wussten nicht so recht was wir tun sollten. Wir hatten weder Spielzeug noch Süßigkeiten mit. Doch den Kindern wurde auch nicht langweilig beim Anschauen unserer mehr oder weniger bleichen Haut.
IMG_0359Nachdem wir unser Zelt aufgeschlagen hatten war auch schon das Essen fertig. Wir verzichteten auf alle Beilagen und begnügten uns mit Reis, in der Hoffnung, dass es unserem Magen gut tun würde. Naina gab sich solche Mühe und präsentierte uns ein drei-Gänge Menü mit Suppe, Hauptgang und einer karamellisierten Banane zum Schluss. Und all das kochte er über dem offenen Feuer.
Nach dem Essen saßen wir noch lang am Ufer und ließen alles auf uns wirken. Gern hätten wir uns einfach aneinander gekuschelt, aber dies hätte hier wohl nicht auf Verständnis gestoßen. Wir wussten nicht, ob wir eventuell auf dem Holzkohlegrill gelandet wären. Und so machten wir es uns in unserem Zelt gemütlich, unter romantischem Platzregen.

Erkenntnis des Tages: Geckos machen ganz schön Krach. Auf so einer Reise kommt man sich näher. Wie nah durften wir hier erfahren. Und in nem Baumstamm auf nem Fluss brennt einem nach acht Stunden tierisch der Pelz und der Po.

Von A wie Antsirabé bis Z wie Zebu

Auf den Verzicht auf Internet hatten wir uns bereits direkt nach unserer Ankunft in Madagaskars Hauptstadt eingestellt. Doch auf was wir alles während unserer Reise durch das Land würden verzichten müssen, war uns zu diesem Zeitpunkt bei Weitem noch nicht klar. Was wir wussten war, dass wir das Land und vor allem die Leute kennenlernen wollten. Nicht so viel Touristenchichi, sondern mehr Kultur. Mit diesem Vorhaben im Kopf ließen wir uns ein paar Angebote von privaten Guides machen. Nach Kurzem stand fest wie, was, wann und wo und unser Bauchgefühl entschied sich für einen der Führer. Naja, jedenfalls stand das Grobe fest… Die gute alte Sprachbarriere war auch wieder mit von der Partie.

Da uns dieser Trip viele Nerven gekostet und uns einiges abverlangt hat, werden wir in mehreren Teilen davon berichten, damit ihr einfach mehr davon habt 🙂

Perfekt zum Nikolaus ging es also am 06. mit frisch geputzten Schuhen los. Wie immer begann unser Tag bereits um 6 Uhr (warum wir hier schon so früh und ohne Probleme aus dem Bett kommen wissen wir immer noch nicht). Rucksäcke und alles Hab und Gut rein in den Kofferraum eines klapprigen Peugeot. Für den Ersatzreifen war nun leider kein Platz mehr. Wir fühlten uns ein wenig wie Drogendealer, als wir die gut 2 Millionen Ariary in einer schwarzen Plastiktüte nach vorn auf den Beifahrersitz schoben. Aber so macht man das hier, denn sonst wechselt das Geld schneller den Besitzer als man gucken kann. Nachdem wir also unseren Guide bezahlt hatten, verließen wir Antananarivo zusammen mit unserem Fahrer Néné und unserem Guide Naina. Zwei wildfremde Menschen, ein knarzender Klapperkasten mit Slicks (hierzu der passende Wikipedia-Auszug: Ein Slick (engl. für „glatt“) ist ein profilloser Reifen, der bei richtiger Temperatur aufgrund seiner sehr haftfähigen Laufflächenmischung für Einsätze auf trockenen oder leicht feuchten Straßen geeignet ist – normalerweise im Rennsport. Eine wichtige Kenngröße ist die Temperatur. Diese muss in einem passenden Bereich bei ca. 80 °C – und damit höher als bei einem normalen Pkw-Reifen – liegen. Darunter hat ein Reifen nur geringe Haftung.) und wir zwei mal wieder mittendrin. Wir sollten aber erst später herausfinden, dass unser Fahrer gern Formel1 Basecaps trug und auch dementsprechend fuhr…

Als erstes stand Antsirabé auf unserer Liste. Es handelt sich hierbei um die zweitgrößte Stadt des Landes und nicht etwa um einen Darmvirus, aber auch dazu später mehr. Auf den circa 170km, die wir auf der Route National 7 (der einzigen geteerten Straße der Insel) zurück legten, kamen wir durch viele verschiedene Dörfer, deren Bewohner alle etwas besonderes „konnten“. Die ersten konnten besonders gut mehrere Ananas übereinander stapeln, die nächsten konnten Giraffen aus Stroh basteln und eines der Dörfer war für ihre Produktion von Aluminiumsachen bekannt. Wir erwarteten eine kleine Fabrik. Weit gefehlt. Wir liefern durch eine Ruine, die wohl als Wohnzimmer diente und stießen im Hinterhof auf einen Mann, der in einem kleinen Verschlag im Staub saß und uns angrinste, während er flimmernden schwarzen Sand durch seine Finger rieseln lies. Mit Dreck, Staub und Kohle bewaffnet bastelte er Gussformen, die schon ein paar Minuten später Topf und Deckel hervorbrachten. So stellte er Pferdefiguren, Tassen, Flaschenöffner und sogar Knoblauchpressen und die Figuren für Tischfußball her. Ordentlich beeindruckend.

IMG_0466Danach ging es weiter, vorbei an Reisfeldern, soweit das Auge sah. Und vielen hart arbeitenden Frauen und Männern, die jede einzelne Pflanze per Hand einsetzten. Typisch mitteleuropäisch haben wir uns erkundigt, was die Arbeiter denn so verdienen. Einen etwas erstaunten Gesichtsausdruck später erklärte uns Naina, dass sie natürlich nicht für Geld arbeiten, sondern damit ihr Dorf ernähren. Und sollte mal etwas übrig bleiben, wird es eben als Tauschware gegen andere Güter eingesetzt. Verrückt…

Verrückt auch durchaus die ein oder andere Art der Fortbewegung. An den Anblick von Zebu-Karren gewöhnten wir uns recht schnell. An junge Männer auf dem Fahrrad, die sich einfach am Heck eines kleinen 40 Tonnen schweren Lastwagens festhielten und sich so die Berge hochziehen ließen, eher nicht so schnell.

Nach vier Stunden in Antsirabé angekommen, ging es nach einem Mittagessen (Reis, was sonst…) zum Hotel. Wir waren angenehm überrascht. Ein kleiner Bungalow in einem wunderschönen Garten. Mit Palmen vor der Tür und etlichen kleinen Bächlein, die sich durch das Gelände zogen. An den üblichen kleinen Schimmel in der Dusche und der Tatsache, dass das „Bad“ bloß einen Vorhang für die Privatsphäre hatte, hatten wir uns schon gewöhnt.
Danach wieder ins Auto und die Stadt erkunden. Sie ist ebenso arm wie das ganze Land. Menschen, die wie vor einen Karren gespannt andere Menschen von A nach B ziehen. Winzigen Hütten und Bretterverschläge, in denen sämtliche Mitglieder einer Familie zusammen wohnen. Dreck und Staub überall, Menschen mit wenigen Zähnen, bieten Fleisch an, was in der Sonne schon gegart wurde.
IMG_0235Weiter ging es zu einem kleinen Künstler, der uns zeigte, wie man aus alten Getränkedosen und Telefonkabeln ein Miniatur-Fahrrad bastelt. (Klar mussten wir eines mitnehmen…) Weiter ging es zu einer Familie, die aus Zebu-Horn alle möglichen Gegenstände herstellte. Uns wurde der komplette Prozess gezeigt. Und auch hier zeigte sich wieder eine Einfachheit, wie sie in Deutschland kaum denkbar wäre. Um das Horn zu schleifen, wurde ein alter Waschmaschinenmotor verwendet. Kurz einen Metallstab reingesteckt, eine Frässcheibe aus dem Boden einer alten Metalltonne festgeschraubt und los ging’s. Zum Polieren wurde alter Jeansstoff verwendet – die Hose dazu lag noch in der Ecke, durchlöchert wie ein Schweizer Käse.
Auch hier mussten wir wieder etwas mitnehmen…
Danach auf einen Markt. In einem alten Stall waren mit wenigen Brettern die Stände zusammen gezimmert. Gerüche, die uns abwechselnd den Schweiß auf die Stirn, die Tränen in die Augen oder den Ekel in den Hals trieben. Wieder Fleisch, nach dem sich eine Horde Fliegen schon genüsslich die Flügel rieb, daneben Fisch im selben Zustand. Ebenso Gemüse, Obst und einfach alles, was man sonst noch brauchen könnte.

Anschließen ging es wieder ins Hotel, den Tag auf uns wirken lassen. Ein kleines Abendessen. Unsere erste Feststellung: Zebu-Milch schmeckt wie ein Schaf, das man auf der Weide vergessen hat. Und flockt so zart wie fünf Tage alte Dosenmilch.
Anschließend genossen wir den ersten Abend unter dem Moskitonetz, in den Schlaf gewogen durch das zarte Rauschen der Toilettenspülung, die einfach keine Ruhe geben wollte. Aber wenn man die Augen schloss und es sich ganz fest vorstellte, konnte man fast glauben, es wäre ein Bächlein, was am Zimmer vorbei fließt.

Erkenntnis des Tages: War Südafrika für uns noch kontrastreich, so ist es Madagaskar kaum. Zumindest was Städte oder viel mehr Dörfer betrifft. Prangte in Südafrika neben der Wellblechhütte eine kleine Villa hinter dem Starkstromzaun, so ist der einzig erkennbare Unterschied hier, ob die Hütte aus Ziegelsteinen oder Lehm ist. Meist jedoch um einiges simpler aus Bambus und Stroh. Dafür ist die Landschaft umso kontrastreicher! Der WOW-Effekt in Südafrika blieb größtenteils aus, holte uns in Madagaskar dafür aber doppelt wieder ein.