Archiv für den Monat Dezember 2013

Wenn der Löwe mit dem Lamm

Da stolziert der stolze Löwe durch die Savanne, nippt hier an einem Wasserloch, brüllt dort einen Rivalen nieder und nagt zu guter letzt noch einmal an einem kleinen Gnu.
Okay, nein, solche Löwen laufen schon weiß Gott zu viele durch den Großstadtjungle, unruhig auf der Suche nach Beute, immer witternd.

Aber da gibt es ja auch noch die kleineren Löwen. Die erste Mähne zieht sich majestätisch vom Rücken über den Kopf und bleibt gerne allzu oft in den Augen hängen. Also einfach hin und wieder ein kleiner Schnauber, über die Oberlippe in Richtung Haarpracht, schließlich muss die Mähne sitzen. Ein paar Kratzer zieren das zart anmutende Gesicht, in dem sich erste Konturen abzeichnen. Fein und erst langsam zum Vorschein tretend sind sie die Vorboten und ersten Zeugen des markanten Gesichts, das es einmal werden wird. Gezeichnet von Freuden, Trauer, Glück, vielleicht hin und wieder ein wenig Unmut, aber hauptsächlich vom Schalk, der gerne vom Nacken in die sich abzeichnenden Lachfalten zieht. Das Fell glänzt im fahlen Schein der orangen Straßenlaternen, die den Nachthimmel des Großstadtjungles zum Leuchten bringen. Den Kopf erhoben und sich den Gefahren stellend, wird kleinen Löwen jedoch hin und wieder ein wenig langweilig. Wasserstellen austrinken und Gnus jagen reichen diesen kleinen Löwen manchmal einfach nicht.

Und dann verwandelt sich dieses schief grinsende Geschöpf kurzerhand in ein kleines Salzwiesenlamm. Ein Salzwiesenlamm, was irgendwo auf einer saftig grünen Weide nahe der Nordsee auf und ab springt und sich seiner Kraft und Jugend erfreut. Und es bekommt riesige Augen, denen zweier reifer Oliven gleich, groß und größer. Denn hach, es ist einfach zu verzückend. Diese Blumenpracht, die dort auf dieser herrlichen saftigen Wiese geduldig vor sich hin sprießt. Die eine blau, die andere gelb, und groß, dabei rund und saftig, dass es eine wahre Wonne ist.  Und dann noch diese rote Blume, die mit den lustigen weißen Punkten auf den Blüten. Eine Wonne, wahrlich.

Und was macht das Lamm? Natürlich, es kann ja nicht anders. Es hüpft über diese verzückende Wiese und pflückt. Pflückt einfach alles, was sich nicht schnell genug im heran nahenden Wind unter den kleinen Pfoten hinweg ducken kann. Es pflückt und pflückt und freut sich über jede einzelne anbetungswürdige kleine Pflanze.

Es hüpft in Richtung Gatter und bleibt verwundert stehen. Die Pfoten voller Blumenpracht und das Herz voller Vorfreude auf blühendes Leben und buntes Treiben schaut es sich verdutzt um: es hat gar nicht genug Vasen, um alle Blumen aufbewahren zu können. Unzählige Blumen und nicht genügend Behältnisse – die Augen waren größer als die Blumenweide vor der Nase des Lamms. Da rümpft das Lamm verdrießlich die kleine feuchte Nase und wundert sich. So viele einzigartige Pflanzen, solch eine Blütenpracht und es weiß nicht, wie verwahren oder wo aufbewahren.

Und hier schließt sich der Kreis: Der kleine Löwe, der manchmal wie ein tollkühnes Lamm über die Salzwiesen rennt und jede Möglichkeit, die sich bietet, ergreift – ungeachtet, was damit zu tun ist.

Aber der kleine Salzwiesenlammlöwe hat Glück: Er hat eine große Höhle im Großstadtjungle, die ganz besonders viele Vasen in ihren Regalen stehen hat. Und eine kleine Herde, von denen alle meist eine kleine Bento-Tupperdose in der Hosentasche haben, und auch dort ein weiteres Blümchen Platz findet. Und sollte das nicht reichen, gibt es immer noch den anderen Löwen, der zur Not ein weiteres Gefäß in den Nachthimmel mit seinen Worten malen kann.

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