Archiv für den Monat April 2013

Überfordert und unterschätzt.

Artikel über meine Generation gibt es viele. Die Alten lassen sich über die Jüngeren aus, die Jüngeren analysieren ihresgleichen und die Jüngsten verstehen die Aufregung nicht.
Und eigentlich bin ich so politisch und gesellschaftskritisch wie ein Gartenzwerg. Aber manchmal muss man eben Partei ergreifen – in diesem Fall für die eigene Generation.

Da wacht man morgens auf, greift zum iPhone neben sich, um die lebenswichtigen Neuigkeiten der Facebookfreunde zu studieren, die sich ganz bestimmt zwischen 02:00 Uhr und 08:00 Uhr ereignet haben.
Und dann springt mir dieser Artikel der „Zeit“ ins Auge: „Generation Maybe hat sich im Entweder-oder verrannt“. Über eben meine Generation. Die ohne Eigenschaften, aber gut ausgebildet, die mit den Möglichkeiten, aber ohne Mut.
Ich selber würde uns als „Zwischengeneration“ bezeichnen. Wir kennen den iPod und die Kassette, wir haben keinen Krieg erlebt, können aber unsere Großeltern fragen. Die Generation vor uns ging auf die Straße, die Generation nach uns bleibt im Fernsehsessel sitzen.

Da sind wir also. Den Uniabschluss in der Tasche, das Leben vor uns. Ganz ehrlich, da kann man schon mal weiche Knie bekommen. Aber nicht, weil wir ja so wahnsinnig viele Möglichkeiten haben, aus denen wir wählen können, sondern weil der Kampf scheinbar immer noch nicht vorüber ist. Bestens ausgebildet, mit Erfahrungen durch Praktika, die alleine schon eine Seite des Lebenslaufs füllen (aber laut einstimmiger Meinung der Personaler nicht länger als zwei Seiten sein dürfen), mit Auslandsaufenthalten und fließendem Englisch, Französisch und Ironisch – die ganz begabten haben auch noch Sarkastisch im Programm.
Und dann bewerben wir uns um den Traumjob, denn schließlich haben wir ja lange genug die Schulbank gedrückt. Und dann geht das ganze Theater von vorne los! Man fühlt sich wieder in die Zeit zurück versetzt, als man den NC ausrechnete und insgeheim hoffte, dass der Banknachbar ein dezent schlechteres Abi schreibt, um nicht die eigenen Chancen zu minimieren.

Und jetzt?! Die Bewerbung in Papierform, in der man vielleicht noch ein interessantes Deckblatt gestalten könnte, um sich mit einem schimmernden neon-beige aus der grauen Masse der 400 Mitbewerber hervorzuheben, gibt es nicht mehr.
Wir sitzen vor einer Website und geben nüchtern unsere Lebens- und Erfahrungsdaten in die dafür vorgesehenen Felder ein – für einen Beruf, der laut Ausschreibung Kreativität und Persönlichkeit erfordert. Und welch Ironie, wenn anschließend die firmeneigenen Suchmaschine die Bewerber aufgrund von Noten oder fehlenden Praktika aus dem Prozess kickt.
Sollte man dann doch zu den Glücklichen gehören, darf man sich freuen, gleich wieder in die nächste Prüfungssituation gebeten zu werden. Nun einen online-Test absolvieren, denn die eierlegende Wollmilchsau soll bitte auch noch perfekt in Mathe, Deutsch, logischem Denken und Textverständnis sein – die Persönlichkeit wird mittels standardisiertem Fragebogen abgefragt.
Dies durchlebt, darf man endlich mit einem Menschen sprechen – am Telefon. Mimik und Gestik, das eigene Auftreten oder der persönliche Kontakt werden zugunsten von Effizienz ganz nach hinten in die Reihe gestellt. Aber nein, nicht der Lebenslauf ist nun interessant, nicht der Mensch, sondern die Fähigkeit, die eigenen Punkte der bisherigen Karriere zu versprachlichen.
Und sollte man diese Hürde genommen haben, kommt das Assessment Center. Wieder kein Gespräch zwischen Bewerber und Personaler. Survival of the fittest at its best: Case Studies, Selbstpräsentationen und Postkorbübungen.

Und da fragt sich der geneigte Reporter wirklich, warum wir lieber eine Weltreise machen?

Abgesehen von Fluchtgedanken und Co. machen wir solche Reisen aus drei Gründen:
Erstens: weil wir’s können! Denn wir haben das Glück, mit Eltern gesegnet zu sein, die uns solche Dinge ermöglichen. Die uns fördern und unterstützen. Die ältere Generation konnte das oft nicht, andere Dinge hatten größere Priorität. Aber wir können und wir wollen.
Denn, zweitens: wir sind nicht nur gut ausgebildet, sondern wollen auch über den Tellerrand schauen. Denn was für den einen Betrachter die Flucht vor dem Alltag ist, ist für den anderen die Möglichkeit, sich die ganze gedeckte Tafel anzusehen.
Und der dritte Grund: damit ein Personaler vielleicht doch mal das Individuum sieht, das mehr zu erzählen hat, als der Erfahrungen aus den Praktika.

In diesem Sinne:
Meine Generation ist nicht müde oder eigenschaftslos. Sie braucht nur hin und wieder eine Verschnaufpause vom alltäglichen Bürokrieg.

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Qué hora es?

Aus der Reihe „Ina und Aline haben ein goldenes Händchen bei der Domizilwahl“:
Wenn es nicht so traurig wäre, dann könnte man schon fast wieder drüber lachen, aber momentan ist uns eher nach einer Sagrotan-Dusche und zwar einer warmen.

Und so sitzen wir mittags um 14Uhr in Viña del Mar unter einem Heizpilz und schütten uns völlig überteuerten Weißwein hinter die Binde. Was den Preis rechtfertig? Wir vermuten, dass es sich auf den Meerblick zurückführen lässt. Wasser gibt es dort, mehr aber nicht. Zumindest verhindert die dichte Smogwolke über dem Ozean Mehr-Blick. Und nachdem wir uns von einem nuschelnden Taxifahrer mit Hörgerät so richtig über den Tisch haben ziehen lassen, dachten wir, dass wir uns jetzt kräftig unter selbigen trinken. Und da wir auf unserer Reise unser Geld lieber in dubiose Unterkünfte und nicht in Alkohol stecken, reicht oft auch ein Drink aus, um dies zu erreichen.

Aber von Anfang an…
Oder vielmehr, eine fast sachliche Darstellung der Gegebenheiten und Ereignisse, die unseren Chile-Aufenthalt charakterisieren:
Als erstes eine Warnung! Wenn ihr Spanisch lernen wollt… Nicht Chile! Das europäische Ohr ist nicht in der Lage, diesem Dialekt nach drei Wochen Spanischkurs zu folgen. Ein gesprochener Satz hört sich an wie ein Wort, nur das sämtliche Konsonanten unter selbigen Tisch genuschelt wurden, unter den wir uns auch trinken wollten. Wir nicken also und versuchen, selbstsicher zu wirken. Das klappt oft leider so gut, dass unsere Gesprächspartner tatsächlich denken, wir hätten sie verstanden. Und dann fragen sie uns Dinge (das merken wir nicht am Satzbau, sondern entnehmen wir ihren fragenden Gesichtern). Spätestens dann fliegen wir auf, da unsere Antworten meist in gestammelten drei-Wort-Sätzen enden… Aber hey, „Terremoto“ können wir bestellen! Diese mixt der Barmann wie folgt: zwanzig halbliter Plastikbecher auf den Tresen, ein bisschen blass aussehendes Ananas-Eis hinein (was die namensgebende Frucht auch maximal aus dem Chemielabor kennt). Dann die fünf Liter Pulle unfermentierten Wein gleichmäßig darauf verteilen, wobei darauf zu achten ist, dass mindestens die Hälfte über die Bar und die Schuhe der am Tresen stehenden Gäste zu schütten ist. Dann nach belieben noch ein bisschen Fernet Branca oder irgendwas anderes, das die Umdrehungen noch weiter nach oben schraubt, drüber giessen und mit Grenadine hübsch einfärben. Fertig ist der garantierte Kater für den nächsten Tag! Wir wissen wovon wir sprechen und warum der Drink übersetzt Erdbeben und ab dem zweiten nur noch Nachbeben heißt!

Achja, wir lernen Spanisch übrigens in Santiago de Chile. Man hat uns gesagt, es gäbe schöne Berge und Parks um die Stadt herum. Leider kann ich durch den Smog noch nicht mal bis zum Rand meiner Brille schauen, weswegen wir dazu eher keine Meinung haben. Die Brille trage ich übrigens fast täglich, da durch die Luft meine Kontaktlinsen sich panisch am Auge festsaugen und dadurch den Tragekomfort einer Plastiktüte haben.
Santiago ist laut, dreckig und ungefähr so sexy wie der Hamburger Hauptbahnhof. Aber die Snacks sind super! Alle so richtig Figur-freundlich. Von der Teigtasche mit Käse-Schinken-und-Co-Füllung über Fleisch unter Käse auf Pommes mit Spiegelei bis hin zu HotDogs mit zehn Zentimeter Avocadoschicht und drei Litern Mayo – köstlich. Aber wir habe ja ein Fitnessstudio im Apartmentkomplex – zumindest zwei Stepper aus der Zeit, als Opel noch Nähmaschinen hergestellt hat und eine Hantelbank, die nach ihrer letzten Ölung lieber den ewigen Jagdgründen hätte gespendet werden sollen.

Aber, und das müssen wir auch sagen: für unseren Apartment-Vermieter Raúl müssen wir eine Lanze brechen. Der tollste und weltbeste Chilene. Ein Mann, der immer irgend einer neuen Geschäftsidee hinterher jagt, was einfach herrlich mit anzuschauen ist. Aber dabei sich einfach um alles kümmert. Wenn die Telefongesellschaft die Reparatur des Telefons versemmelt, bringt Raúl sein eigenes Handy vorbei. Und falls das nicht ausreicht, kann man auch sein Büro nutzen. Er macht dann auch ein Käffchen. Und wenn man einen PC braucht, huscht der Gute mal eben mit dem Netbook vorbei. Und wenn ein australischer Gast beschließt, mal eben den Jakobsweg in Spanien abzulaufen, kann er auch gerne sein Gepäck für ein paar Monate unterstellen. Und der Knaller (wir wissen bis heute nicht, wie er es macht…): jedes Mal, wenn wir ihn sehen, hat er ein anderes Outfit an. Morgens noch das Hemd und die Jeans. Mittags dann ein legeres Poloshirt und nachmittags das Sportoutfits. Wobei seine enge lange Sporthose einfach immer für Verwirrung bei uns sorgt 😀

Unser Spanischkurs ist auch ein bunter Haufen… Unsere Lehrerin geht lieber demonstrieren als uns zu unterrichten, was schon mal zu heller Aufregung bei den anderen Lehrern sorgt, wenn schnell Ersatz gefunden werden muss. Und da sitzen wir. Mit einer Indonesierin, Anfang 20, die schon seit drei Jahren in Santiago Psychologie studiert und sich jetzt einfach mal dachte, dass es Zeit für einen kleinen Kurs wäre. Oder der Franzose, der seiner schwangeren Frau wegen nach Chile kam. Oder die Ukrainerin, die immer sagt „ich bin eine Giraffe. Mein Hals ist lang, da dauert das immer ein bisschen, bis die Information im Gehirn ist.“ Oder natürlich unserer Lieblings-Australierin, die zuvor fast zwei Jahre in China lebte und die Sprache echt drauf hat, aber in Spanisch nicht so recht den Fuß auf die Erde bekommt. Es könnte daran liegen, dass sie jeden Abend feiern geht – und dadurch die besten Bars kennt, was eine riesen Bereicherung an den Wochenenden ist.

Und so lautet die Erkenntnis des Tages: wir können noch besser die Gedanken des anderen vervollständigen. Wir hassen die Müllabfuhr, die nächtlich jede Stunde eine Ehrenrunde vor unserem Fenster dreht. Noch mehr hassen wir die hupenden Autos (Freunde, ne rote Ampel wird auch durch hupen nicht schneller grün.) Wir haben noch nie so viele Straßenhunde gesehen. Und wir werden sicher den Knoblauchgeruch vermissen, der jeden Abend vom Schnellimbiss unter uns zu uns hoch steigt. Und wir freuen uns auf ein Zuhause mit Heizung – warum sollten chilenische Häuser sowas auch haben, sind ja nachts noch locker kuschelige fünf Grad.

Und ein Auszug aus einer abendlichen Unterhaltung:
Aline: „Früher habe ich liebend gerne „Fange“ gespielt.
Ina schaut ungläubig: „Was ist denn „Fange“?? Bei uns hieß das „Fangen“. Weißt du, mit N. Das klingt doch sonst nach nem halben Wort…“
Aline: „Ach was. Für das N hätten wir im Osten noch mal nen Tag länger anstehen müssen.“

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