Archiv der Kategorie: Australien

Gone wis se wind

Ina stürzte sich todesmutig in den Melbourner Chaosverkehr. Von der schmalspurigen Schlagloch-Strasse auf die sechsspurige Innenstadtautobahn. Unser Navigationssystem, welches das letzte Update bekommen hatte als Sextanten noch regelmäßig genutzt wurden, schickte uns diesmal aber nicht in die Wüste, sondern zielstrebig zu unser neuen Unterkunft für die kommende Woche. Schnell war das Gepäck für die Großfamilie Eberz/Kunze aus Apollo geholt und wir wieder auf der pulsierenden Autobahn in Richtung Campervanrückgabestelle. Noch aufregender als die Hinfahrt gestaltete sich die Reise zurück. Nachdem wir das öffentliche Verkehrsnetz Melbournes mehrfach verflucht hatten und gut 4 Stunden damit verbracht hatten von einer Tram in die nächste zu hüpfen, landeten wir wieder bei unseren Gastgebern. Wie zwei Steine fielen wir ins Bett, welches von der Beschaffenheit eher dem Marmorfußboden der Eingangshalle des Hilton glich und schliefen selig bis zum nächsten Morgen. Frisch und munter erkundeten wir den Markt und erstanden neben Nippes und anderem Geröll auch Lamm und Hühnchenspieße für das geplante Barbie am Abend. Caz und Taryn zauberten einen Smoothie für Erwachsene und wir bereiteten Grillgemüse, das Fleisch und meinen gefangenen Fisch, den ich tiefgekühlt aufbewahrt hatte vor. Vollgefuttert und leicht beschwipst philosophierten wir über Erlebtes und das was noch vor uns lag bevor wir wieder völlig erschlagen ins Bett fielen.
Am Frühstückstisch buchten wir dann unseren Kitesurf-Kurs und sahen uns schon mit Wind im Segel und hautengen Wetsuits über das Wasser gleiten. Youtube sollte uns hier wieder in die Welt des Profikitens einführen und auch der liebe Gunnar bereitete uns seelisch und moralisch auf unser Abenteuer vor. So schwer konnte es also nicht sein, schließlich glitten die Kiter alle recht elegant über die Wellen. Weit gefehlt. Am ersten Tag machten wir uns also mit unserem Learner-Kite, der ganze 2 Quadratmeter groß war, und unserem Instructor Guido vertraut. Immerhin konnte Guido deutsch und somit sollten wir nicht an sprachliche Verständnisgrenzen stoßen. Den Kite in der Luft und wir bis zu Hüfte im Wasser – soweit, so gut! Besonders elegant sahen wir mit Schwimmweste und viel zu großem Helm nicht aus, während wir von links nach rechts über das Wasser gezogen wurden. Guide stöhnte jedes mal schmerzlich auf, wenn wir den Kite wieder ins Wasser knallen ließen. Irgendwann hatten wir den Dreh raus und der Kite machte mehr oder weniger was wir wollten und nicht mehr umgedreht. Zwei Stunden und mehrere Bodydrags später fuhren wir stolz wieder nach Hause. Wir hatten einen neuen Sport gefunden, den wir gleichermaßen feierten und in unseren Köpfen manifestierten sich bereits die ersten zukünftigen Freitagnachmittag-Gespräche, wenn wir uns von unseren Kollegen verabschiedeten und auf eine menge Knoten und Gleichgesinnte in St. Peter Ording hofften. Unser zweiter Tag im Neoprenanzug sollte uns allerdings schnell wieder auf den Meeresboden zurückholen. Da Guido keine Zeit hatte übernahm Claudi (ebenfalls eine Deutsche) unsere Unterrichtsstunde und aus dem 2 qm Kite wurde ein 7qm Kite, der uns noch auf dem Boden liegend ordentlich Respekt einflößte. Mit Claudi übten wir erneuten die Bodydrags und versuchten uns an den Kite zu gewöhnen. Anders als beim kleinen Kite hielt ich mich an Ina, die den Kite in der Hand hielt, fest und ich wiederum wurde von Claudi festgehalten. Andernfalls wäre Ina glaube ich ohne mich schon mal nach Fiji vorgeflogen. Diverse Luftlöcher erschwerten zusätzlich die Kontrolle über den Kite und waren wir bei den Unterrichtsstunden zuvor noch kurz davor zu verkünden, dass wir kiten jetzt hauptberuflich machen wollten, so verließen wir dieses Mal recht frustriert den Strand, da alles was wir gelernt hatten irgendwie nicht klappen wollte. An unserem letzten Tag im Wasser begleitete uns Guido wieder und es sollte das erste Mal sein, dass wir ein Board unter die Füße bekamen. Mit einem 6qm Kite bewaffnet schnallten wir uns das Brett unter die Füße und versuchten die ersten Wasserstarts. Wir staunten nicht schlecht, denn es klappte. Erneut beflügelt ließen wir unseren Körper vom Kite aus dem Wasser ziehen und schafften einige Meter bevor wir entweder kopfüber wieder ins Wasser vielen oder den Kite einfach losließen, weil es zu schnell wurde. Das Hochgefühl hielt allerdings nicht lang, denn kurz vor dem Ende unseres Unterrichts durchfuhr mich ein stechender Schmerz im Fuß. Ina startete gerade erneut mit dem Board als ich etwas apathisch zu Guido meinte, dass ich in etwas getreten wäre. Ich hob den Fuß und zog den Neoprenschuh aus. Sonst verspürte ich in jeglichen Gewässern immer Angst vor Haien. Diesmal blendete ich diese Angst trotz des sich rot färbenden Wassers um mich herum aus. Eine Glasscherbe hatte sich knapp 4 cm durch den Schuh und in meine Ferse gebohrt. Guido versuchte sie herauszuziehen, nachdem er mir versichert hatte, dass es sich nicht um die Spitze eines Stachelrochens handelte (bis dahin wussten wir auch noch nicht, dass die sich dort gern im Sand versteckten…) und Ina schrie von weiter vorn, dass sie zu mir wollte, um mir zu helfen. Allerdings wurde sie vom Kite nur von links nach rechts und wieder zurück gezogen. Irgendwie managten wir, dass Guido erst die Scherbe aus meinem Fuß zog und Ina dann den Kite abnahm. Am Strand wurde dann der erste-Hilfe-Kasten gezückt und ich trug zur Unterhaltung der anwesenden Angler und Kiter bei, die meinen Fuß bestaunten.
Wieder zu Hause machten wir eine Auslandsnotfalldiagnose mit meiner Schwester, die uns versicherte, dass man mit einem Druckverband ums Nähen kommen würde. Somit war ich die kommenden Tage außer Gefecht und ließ mich von Ina betüdeln. So endeten unsere letzten Tage nicht wie geplant auf dem Nachtmarkt, für den Melbourne bekannt ist und welcher der größte in der südlichen Hemisphäre ist und auch die WhiteNight, in der ganz Melbourne eine Nacht in allen Straßen feiert, ließen wir gediegen ausfallen und fröhnten stattdessen der riesen Onlinevideothek unserer Hosts.

Erkenntnis des Tages: unser erste-Hilfe-Set von TATONKA war und ist ein absoluter Segen! Wer sich in Hamburg über einen Arbeitsweg von ner halben Stunde beschwert, sollte mal nach Melbourne kommen! Und meine Frau ist die beste Krankenschwester der Welt 🙂

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Unter dem Meer…

Marcels Sterneküche aus der Packung erheiterte unseren Abend und füllte unseren Bauch. Das Hühnchen hatte er bereits mariniert gekauft und die Pasta wurde kurzerhand aus der Chinabox gezogen. Geschmeckt hat es aber trotzdem. Mit vollen Bäuchen gingen wir spät ins Bett und wachten morgens mit einem platten Reifen auf. Dieser hatte uns ja bereits zuvor ein paar Sorgenfalten auf die Stirn gezeichnet. Also klopften wir IMG_1430an Marcels Zelt und holten uns die Reifenpumpe (von der Angel bis zur Solarzelle hat er einfach alles). Wir schleppten unseren Van zurück in die Zivilisation und sahen auf dem Weg nach Whyalla unsere ersten lebenden Kängurus. Bis dato hatten alle anderen tief und fest am Straßenrand geschlafen. (Anmerkung der Redaktion: wusste nicht, dass Kängurus auch Winterschlaf machen, und das im Sommer?!). In Whyalla ließen wir vom australischen ADAC den Reifen wechseln und begaben uns auf den Weg nach Adelaide.
Die Adelaide Hills wurden schnell als konkretes Ziel ausgesucht, denn hier wurden, wie auch überall sonst, Weinverkostungen angeboten. Allerdings zusammen mit Schokoladenverkostung. Besser geht’s ja fast gar nicht! Und so genossen wir Valrhona Schokolade und verschiedene „Traubensäfte“ während wir den Blick über das Weingut schweifen ließen.
Voller Glückshormone und etwas beschwipst schlenderten wir im Anschluss noch durch Little Germany, bekannt unter dem Namen Hahndorf und ließen uns den Sauerkrautduft um die Nase wehen. Da kam doch kurz ein bisschen Heimweh auf, auch wenn wir weit ab vom gemeinen stereotypen Sauerkrautesser wohnen.
Und so verabschiedeten wir uns in die letzte Nacht in South Australia, denn morgen brechen wir Richtung Great Ocean Road und somit Victoria auf.

IMG_1254Neuer Tag, neues Glück oder so. Die Great Ocean Road machte ihrem Namen alle Ehre, denn sie war sowohl groß(artig) als auch eine Straße und „Ocean“ gab’s gefühlt von allen Seiten und im Überfluss. Vorbei an Klippen und wilden Gesteinsformationen schlängelten wir uns an der Küste entlang. Ina hielt nach Koalas Ausschau, die wir in den unzähligen Eukalyptusbäumen am Straßenrand vermuteten und ich versuchte immer schneller als die Schulbusse mit asiatischen Hobbyfotografen mit der Spiegelreflex zu sein, die Dank ihrer massiven Teleobjektive aber meistens eh rückwärts den Berg wieder runter rutschten. Zwischen einem der vielen Sehenswürdigkeiten, die von der Natur erschaffen wurden erspähte ich den ersten (und wie sie herausstellen sollte, den einzigen) „wilden“ Koala, der ähnlich wie die von uns gesichteten Kängurus, tief und fest zu schlafen schien. Das ist bei Koalas ja aber nicht verwunderlich, da sie durch die ätherischen Öle aus den Eukalyptusblättern, die sie ausschließlich fressen, den ganzen Tag high sind und deswegen ca. 19 Stunden am Tag schlafen. Dieser kleine Geselle war aber irgendwie anders, denn er umarmte ganz fest die Straße auf der er lag. Nun denn, wir fuhren weiter und landeten 20130222-205648.jpgirgendwann in Johanna wo wir direkt am Strand und unter den Sternen schliefen. Am nächsten morgen wurde20130222-205721.jpg ich von meiner romantischen Ader geweckt und stampfte Personenhohe Buchstaben in den Strandsand. Diese zeigte ich dann voller stolz Ina von einem kleinen Ausguck, den ich vorher ausgemacht hatte. Leider konnte man nicht mal erahnen was dort stand. Daher machten wir unfreiwillig einen kleinen Strandspaziergang und brachen danach Richtung Apollo Bay auf. Hier warteten Seesterne und Stachelrochen auf uns. Die einen klein und süß, die anderen elegant, aber mit knapp 2 Meter Spannweite!

Von dort zog es uns dann recht schnell weiter Richtung Torquay und somit ans Ende der Great 20130222-205949.jpgOcean Road. Noch längst nicht das Ende unseres Roadtrips beschlossen wir in Torquay zu bleiben. Ina buchte für den nächsten Tag einen Surfkurs und ich kaufte mir kurzerhand eine Angel und den passenden Angelschein. Abends musste Ina sich mit einem Buch bewaffnet neben mich auf den Steg setzen während ich einen Fisch nach dem anderen aus dem Wasser zog und somit die gesamte Anglergemeinde unter den Fluss angelte. Meinen großen Fang schenkte ich großzügig den älteren Herren, die von ihren Frauen geschickt wurden, um etwas für das abendliche Grillen zu fangen und die kleinen Fische durfte Ina wieder ins Wasser setzen.

Wenn die eigene Frau morgens um kurz nach neun in einem hautengen Wetsuit vor einem steht, dann kann man ohne weiteres darüber hinwegsehen, dass es quasi noch mitten in der Nacht ist. Und saß ich zwei Stunden breit grinsend am Strand währendIMG_1707 Ina ihre ersten Gehversuche auf dem Surfbrett machte und hielt von der Trockenübung bis zum ersten Stehen alles brav auf der Kamera fest. Lässig saß sie auf dem Brett während links und rechts ein Surfer nach dem anderen ihr zur Hand bzw. zum Board gehen wollten. Einige Videoaufnahmen und 94 Fotos später kam sie wieder an Land und freute sich über die Wellen, die sie gestanden hatte. Da Surfen für mich fern von allen Sportarten ist, die ich für mich passend finde, und Ina vom Angeln jedesmal Narkolepsie bekommt, entschlossen wir uns nach einer Sportart zu suchen, die uns beiden gefiel und die wir auch nach unserer Reise fortführen könnten. Ohne viel Überlegung kamen wir auf’s kiten und machten uns einen Tag später auf den Weg Richtung Melbourne, um unseren Plan in die Tat umzusetzen.

Erkenntnis des Tages: wir werden immer schreibfauler, aber geloben feierlich Besserung! 😉

On the road again.

Wir nennen uns liebevoll nur noch „Ernie“ oder „Bert“, weil unsere Augenbrauen schon genauso zusammenwachsen, wie bei den Kollegen der Sesamstraße. Oder Yeti, denn ähnlich behaart sind unsere Beine mittlerweile.

Yeah, wir sind auf Campingtour quer durchs Land! Von Perth nach Melbourne, mit ein paar Schleifen an der Küste, circa 4.000 Kilometer.

IMG_1318Und weil Benzin mit zwei Dollar pro Liter plus ein „luftdurchlässiger“ Reifen, der für reichlich Widerstand sorgt, uns ein ordentliches Loch in den Geldbeutel fressen, wird eben wild gecampt. Oder auf einfachen Campingrounds übernachtet, die maximal eine Toilette oder kalte Dusche haben. Und dann wird eben morgens am Hafen der Kopf unter den nächsten Wasserhahn gehalten und zur Irritation der einheimischen Fischer die Haare gewaschen.

Toll ist aber, dass meine Mum zu Weihnachten mit einem iPad beschenkt wurde und uns nun jeden Abend mit Kängurus in Liegestühlen, süßen Katzen unter riesen Hundeohren oder anderen Tieren, die uns stets ein „ohhhhh“entlocken, virtuell eine gute Nacht gewünscht wird.

IMG_0780 - Copy

IMG_0846 - CopyIn Dunsborough trafen wir Clea und Reto, mit ersterer teilte ich zeitweise in Hamburg die Wohnung und das Leben – letzteres noch immer. Zu viert plus unsere „Guidin“ ging’s mit Kajaks aufs Wasser, um Delphine unter unseren Booten durchschwimmen zu lassen. Auch eine leicht vermasselte Masterarbeit und daraus resultierende große Missmutigkeit und Traurigkeit konnte die Freude, ein Stück Heimat in der Welt zu treffen, nicht schmälern.

Auf unserer Weiterfahrt durch den südlichen Westen Australiens fuhren wir natürlich auf Anraten eines flüchtigen Bekannten aus Ingrids Domizil auch nach Denmark, da man dort so ziemlich alles probieren konnte was angebaut und verarbeitet wurde. Und noch von Jannosch und Franzmann geprägt ließen wir uns demnach die kostenfreien Geschmacksproben jeglicher Art nicht entgehen. Aufgrund einer kleinen Magenverstimmung verzichteten wir jedoch auf die Weinverkostungen und fuhren direkt zur Schweizer Schokoladenmanufaktur (macht ja auch voll Sinn in Australien). Demnach hatten wir extra auf das Frühstück verzichtet und wollten uns den Bauch mit Süßkram vollschlagen. Schon beim Betreten kam uns ein leichter Schokoladenduft entgegen. Kurzerhand später auch die Verkäuferin. Wir schlichen bedächtig um die kleinen Regale auf der Suche nach den Probeschälchen. Wie alle Australier versuchte auch die Verkäuferin gleich mit uns ins Gespräch zu kommen und fragte, ob wir gerade vom Schwimmen kämen. Leicht irritiert verneinten wir dies und erklärten, dass wir letzte Woche das letzte mal am Strand gewesen wären. Damit aber nicht genug und man hätte es auch einfach dabei belassen können… Aber nein, sie versuchte sich zu rechtfertigen, nachdem Aline fragte wie sie darauf käme. Ihre Haare würden noch nass aussehen.
Mit betretenem Schweigen verließen wir den Laden – da wäscht man sich mal einen Tag die Haare nicht und schon sieht man aus, als hätte man den Kopfsprung in die Fritteuse gewagt. Anschließend brachen wir in Tränen aus – vor lachen. Halb wiehernd, kreischend und mit hochroten Köpfen fuhren wir zum nächsten Ziel. Diese Situation war einfach zu gut gewesen…
Aber ein paar Kilometer weiter wurden wir weder auf unsere Pommesfrisur noch unsere Badegewohnheiten angesprochen, sondern bekamen vom traditionellen Toffee bis hin zum Mangotoffee alles in den Mund geschoben.

IMG_0931 - CopyAnschließend ging’s zu einer Farm, auf der man Koalas und Kängurus streicheln konnte, erstere stinken wie ein Rudel läufiger Füchse… Danach ging’s zu den Alpakas. Neben uns stand eine Familie mit zwei kleinen Kindern, die große Augen machten, als „Macho“, das männliche Alpaka, seiner Liebe zu seiner weiblichen Artgenossin körperlichen Ausdruck verlieh. Erklärungen wir „die üben Bockspringen“ und darauf folgende Kommentaren der Kinder wie „die können das aber nicht sehr gut“, sorgten zum zweiten Mal an diesem Tag für reichlich Erheiterung bei uns.

Als wir die vielen hundert Kilometer quer durch Australiens „Nichts“ zurück gelegt hatten, landeten wir in Whyalla.20130131-134442.jpg Der Weg dorthin war gesäumt mit am Straßenrand liegenden Kängurus – wir redeten uns ein, dass sie nur ein kurze Nickerchen in der Sonne halten würden… Achja, wir sind die Strecke übrigens im Pyjama gefahren. Eigentlich wollten im Adamskostüm durch die Wüste zockeln, das erschien uns dann jedoch angesichts der beträchtlichen Anzahl von Vorgängern unseres Vans dann doch ein wenig unangenehm.
Also, Whyalla, eine Stadt, die wegen der metallverarbeitenden Industrie besteht. Nur leider nicht den Charme der Geschichts-trächigeren Verwandten des deutschen Ruhrpotts besitzt. Also flüchteten wir an den Strand. Und trafen ihn! Marcel! Den 65 jährigen Franzosen, der schon seit über 30 Jahren in Australien lebt, drei Mal verheiratet war (die letzte Ehe hielt stolze fünf Monate) und seit zehn Jahren nur noch mit dem Camper durchs Land zieht – nachdem er seine sieben Restaurants verkauft und seiner damals zweiten Frau das Haus geschenkt hatte (viele Zahlen, aber der Mann ist uns ja auch ein Rätsel). So saßen wir am Abend mit ihm am Campervan und tranken Wein aus einem Tetrapack mit integriertem Zapfhahn (und das bei einem französischen Koch). Spannend war’s trotzdem, auch wenn man die Geschichten recht bald kannte. Denn Marcel hat die Gedächtnisspanne eines Goldfischs und wiederholte sich im Stundentakt. Nachdem wir ihm abends erzählt hatten, dass ich keinen Fisch mag, war er am nächsten morgen äußerst erstaunt, dass ich keine Krebse zum Abendessen wollte.
Wir sind gespannt, ob er sich nachher noch an das Soja-Hühnchen erinnern kann, was er uns vorhin zum Abendessen versprochen hat.

Erkenntnis des Tages: im Dunkeln ist gut munkeln mit Furunkeln.

…und wir fragen uns, was die Welt im Innersten zusammen hält…

Es wurde einfach mal Zeit für Gedankenfetzen! 🙂

– wir teilen uns gerade eine Wohnung mit Bernie Fraser (in Ingrids Hinterhof), ein ehemals riesen Rugby-Star der „All Blacks“ (Neuseelands Nationalmannschaft) und Vater von Brooke Fraser, der Sängerin. Bernie kümmert sich super um die Wohnung (Musik voll aufgedreht und aus voller Kehle sämtliche 80er Hits mitschmetternd putzt er die Küche) und raucht wie ein Schlot, hat aber mit geschätzten 50 Jahren immer noch Oberarme wie ein Tier. Achja, und er muss sich um Ingrids Garten kümmern. Sehr lustig, denn dort steht nun auch ein Waschbecken in Kelchform, welches liebevoll geschmückt wurde, weil Ingrid nicht mehr wusste, wohin damit…

– auf den Song von McHammer sieht einfach jede Tanzbewegung von uns Bewegungslegasthenikern lustig aus (besonders mit Cowboyhut und Taucherbrille… Coming soon!)

– Sushi ist hier billiger als ein halbes Hähnchen

– unsere Bettlaken riechen nach Katze, wir glauben aber mittlerweile, dass es das Waschmittel ist. Oder Asshole (ja, so heißt Ingrids Katze wirklich…) legt sich nach jedem Wachgang einmal in jeden Korb…

– Barbecue ist hier das „Barbie“ und McDonalds nennt sich in der Werbung selbst „Maccas“

– miete keine Campervans von „Wicked Camper“, den Namen haben sie scheinbar nicht ohne Grund… 😉

– wir werden versuchen, ein Ei auf unserem Auto zu braten. Geht wohl eigentlich nicht. Aber wir vertrauen auf unsere Mini-Spiegel aus dem Kulturbeutel und einer Spielzeuglupe, die wir uns noch zulegen werden.

– werden Kängurus langweilig, wenn man sie zu oft am Straßenrand sieht?

– müssen wir uns noch ein Schäufelchen kaufen? Im Camper gibts keine Toilette…

– das erste, was wir tun werden, wenn wir unseren knutschigen Camper abgeholt haben:
Hose aus und nackt fahren. Warum? Weil wir’s können 🙂

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Ja, wir schämen uns nicht für langweilige Momente, die sinnvoll genutzt wurden 😉

Wenn das Handy größer ist als die Hose.

Zusammenfassung eines Musik-OpenAir-Events:
Wenn die Musik zum „Einspielen“ der Boxen während des Einlasses besser ist als 80% der DJs, ist das schon mal kein gutes Zeichen…

IMG_0586Los ging’s um zwölf Uhr mittags, bei 40 Grad und strahlendem Sonnenschein. Also schnell mal ins schattige Plätzchen hinter einer gelben Mülltonne verkrümelt (das war nämlich der einzig verfügbare Schatten auf dem ganzen Gelände).
Ach nein, stimmt nicht, unterhalb des Tresens vom Chickengrill gab’s auch noch ein Eckchen. Wir saßen dort noch keine zwei Minuten, da setzte sich eine blonde, leicht schief drein schauende Australierin (mit viiiiel zu kurzer Hose und quasi keinem Oberteil) mit folgenden Worten zu uns „Idrukneedschdeeee“. Äääähhhh… Was??? Also, mal nachfragen. Darauf folgende Antwort: „Imdrnkndschade“. Öhm ja, also nochmal fragen… Sie schaute uns ernst in die Augen und wiederholte „I’m drunk and I need some shade“. Ahhhh, jetzt wurde ein Schuh draus! Eigentlich hätten wir auch direkt drauf kommen können… Richtig ansehnlich wurde anschließend das halbe Hähnchen, was sie mit ihren Fingern und dem halben Gesicht aß.

IMG_0677Um 20:30 Uhr wurde die Musik dann endlich gut, danke Maja Jane Coles! In Deutschland wäre die partywütige Meute aufgeregt durch die Gegend gesprungen, hier füllten sie gerade mal drei Reihen. Richtig verrückt. Wir wollten zwischenzeitlich gerne auf die Bühne springen und sie umarmen mit einem riesen Sorry und einer Erklärung, dass unsere australischen Altersgenossen einfach keine Ahnung haben… (Naja, die meisten Altersgenossen. Ein Teil hatte hundert pro noch nen zweiten Ausweis mit dem passenden über-18-Alter…) Aber wir konnten spitzen Fotos machen! Und Booka Shade danach waren auch ein Kracher!

Bis Abends: Kirmestechno, solcher, den der gemeine Autoscooter-Einparker gerne gegen Ende seiner Schicht nochmal richtig schön laut aufdreht. Ansonsten gab es eine Mischung aus David Guetta und Scooter. Herrlich, damit die männliche feierwütige Meute sich einfach breitbeinig hinstellen konnte und nur noch zum Takt die Arme in die Luft warf und lässig mit den Fingern Richtung Bühne wippte.

IMG_0613Das Publikum: total verrückt… Dass der VintageLook hier „state of the art“ ist, hatten wir ja nun schon mitbekommen. Hier hieß es jedoch, einfach die alte Jeans, die mal zur Kommunion gepasst hat, auf Höhe der Hosentaschen abzuschneiden (sodass die Hosentasche immer noch unten rausschaute) und anschließend bis zu den Armen hochzuziehen. Insofern praktisch, als dass kein BH mehr nötig war, die Brüste wurden vom Hosenbund gehalten. Als Oberteil diente in der Regel ein Stoffstreifen, ein halber Badeanzug oder einfach Omas Häkeldeckchen.

Fazit des Tages: wir hoffen sehr, bald endlich einen PC zu finden, um die Fotos hochladen zu könne. Denn die ansehnlichsten Exemplare haben wir alle fotografiert! 😉

Wilfried, Ingrid und Helmut

Nun sind wir schon 16 Tage in Australien. Nachdem sowohl unsere Muddis als auch unsere Freunde schon öfter die Zeilen „ihr habt aber lange nix mehr geschrieben“ fallen ließen, gibt es dann heute den ersten Eintrag über Australien. Da uns der gemeine „erst waren wir da, dann dort, dann hier“-Bericht zu langweilig vorkommt, schreiben wir einfach über die interessantesten Personen und die damit verbundenen Geschichten, die uns hier über den Weg gelaufen sind.

Wilfried und Anka: nach lustigen 17 Stunden Flug, in denen wir diverse Episoden einer unserer Lieblingsserie geschaut haben, kamen wir irgendwann in Perth an. Wir mussten übrigens alle Folgen nochmal schauen, da ich während des Fluges eher mit nervösem aus-dem-Fenster-schauen beschäftigt war und die Handlung nicht so richtig verfolgen konnte… Mit einem 7-Stunden Jetlag ging es dann in unserem zuckersüßen Bed and Breakfast von Wilfried und Anka nachmittags ins Bett – bis um 14:00 Uhr am Folgetag. Die beiden lieben spät-Hippies in ihren 50ern halfen uns anschließend mit Tipps zur Umgebung fürsorglich weiter. Nachdem wir Socken und Schlüpper im Waschbecken mal wieder der Handwäsche unterzogen hatten, hingen wir sie zum Trocknen ins Bad. Als wir wieder kamen, hatte Anka sie netterweise auf ihre Leine gehängt. Herrlich, stinkende Socken und Sonntag-fast-Feinripp-Schlüpper, die man sonst bei anstehendem Besuch hinter den großen Handtüchern auf der Wäscheleine versteckt, liebevoll von der B&B-Muddi aufgehängt. Dazu unser Credo: Mut zur Baumwolle, Mädels.

Mehr aus Spaß schauten wir nach möglichen Jobs, und zack, hatten wir einen Weihnachts-Putzdeal, was uns zu unserer nächsten Bekanntschaft bringt:

Richard und Gemma: viele Emails und ein wenig Gehaltspoker später hatten wir einen Putzjob vom 22. bis 25. Dezember. Bei Richard, seiner Frau Gemma und den drei Kids (zwei Jungs und ein Mädchen. Wir haben noch nie so viel rosafarbene Sachen gesehen!), eine äußert wohlhabende Familie mit riesen Haus im Süden von Perth. Richard schrieb seine Mails ohne Punkt und Komma, was vollkommen zu seinem Sprachstil passte. Ein ums andere Mal schauten wir uns dezent verwirrt an und versuchten aus dem Kontext zu schließen, was er von uns wollte. Achja, Gemma sprach noch schneller, und liebte smalltalk. So versuchten wir möglichst immer in der Nähe des anderen zu bleiben, um bei völliger Ahnungslosigkeit dem anderen helfen zu können. Aber zur Erklärung: australisches Englisch klingt wie eine Mischung aus britischem Englisch und dem typischen rollenden „R“ der Amerikaner, gesprochen von einer 80 jährigen Dame mit dritten Zähnen und äußerst schlechter Haftcreme, die sich vorher schon schön ein paar Likörchen in den Kopf geschüttet hat.
Am 23. zogen wir dann bei Wilfried und Anka aus, und bei Ingrid ein:

Ingrid: durch eine mit dem Hobbybaukasten erstellte Internetseite mit einem Faible für IMG_0748 - Copyfiese Grüntöne wurden wir auf Ingrid aufmerksam. Ein für australische Verhältnisse unschlagbarer Preis ließ uns über Zweifel hinweg sehen und ein paar Nächte buchen. Eine gute Wahl! Man darf sich nur an etwas strengem Katzengeruch nicht stören… Ingrid ist eine kleine, leicht christlich angehauchte Österreicherin mit blondierten Haaren in ihren späten 70ern, die schon seit 30 Jahren in Australien lebt. Dabei aber einen Akzent hat, als sei sie frische Absolventin des Anfänger-Volkshochschulkurses und wollte ihre neu erworbenen Fähigkeiten mal in fremder Umgebung ausprobieren. Nichtsdestotrotz ein herzensguter Mensch, der uns direkt fünf Dollar Rabatt anbot (einfach, weil Weihnachten war) und auch mit Tipps und Ratschlägen zur Seite stand. Mittlerweile wohnen wir übrigens wieder bei ihr, und haben einfach so nochmal einen 25Dollar Rabatt bekommen. Kann man ma machen. Man muss sich eben nur an Katzen und furchtbar dreckiges Geschirr gewöhnen (wir hoffen einfach mal, dass das aus einer dem Alter geschuldeten Sehschwäche resultiert…).

Nach den arbeitsreichen Feiertagen (wir haben vorher noch nie im Leben Wände mit Gallseife geschrubbt) und Muskelkater in den Unterarmen (ich bin wirklich ein Weichei…) ging es nach Fremantle, dem am Hafen gelegenen Teil von Perth. Herrlich, noch teurer… Abends dachten wir uns aber, was kostet die Welt?! (ah, doch soviel… Na gut, dann nehmen wir ne kleine Cola…) also ab in die Weinbar, wo wir Sabrina kennen lernten.

Sabrina:
Während Aline am Tisch saß, habe ich ihr lautstark die Speisekarte, die auf einer kleinen Tafel angeschrieben war, vorgelesen. Daraufhin winkte mich eine kleine, unverschämt braungebrannte Frau zu sich heran. Nachdem ich beim dritten Winken dann auch verstanden hatte, dass sie mich meinte, bin ich also zu ihrem Tisch gegangen, wo sie mir erklärte, wir könnten gerne ihre Reste haben, sie würde sowieso nicht alles essen. Jut jut, ist uns bis dato auch noch nie in einem Restaurant passiert. Öfter mal was Neues…Nach dem dritten Mal Ablehnen ließ ich mich dann breit schlagen und wollte im Gegenzug wissen, was sie trinkt, damit man sich revanchieren könne. Man hat ja hin und wieder eine gute Kinderstube genossen… und was trank die Frau? Champus, na herzlichen Glückwunsch…
So lernten wir also Sabrina kennen, die kleine Samoanerin, Mitte 50, die drei Kinder allein großgezogen hatte und die, da sie gerade keine Wohnung hatte, in ihrem weißen Lieferwagen gegenüber der Weinbar nächtigte. Ist auch viel praktischer, spart man sich das Taxi und kann mehr Champus trinken. Sie erzählte uns dann übrigens auch ein paar Geschichten von ihrer Tochter, die Ärztin ist und ein paar Monate auf Madagaskar gearbeitet hatte. Dort gibt’s keine Anästhesie, für Kaiserschnitte darf die werdende Mama auf ein Stück Leder beißen und sich bitte nicht so anstellen.
Hach, nicht schwanger zu sein ist doch was Tolles…

Zum Abschluss noch die Begegnung des heutigen Tages:
Helmut!
Wir sitzen nichtsahnend und deutsch redend (das müssen wir uns echt abgewöhnen, das zieht immer komische Menschen an) in einem Café, plötzlich steht Helmut neben uns. Der Fußball-Talentsichter und Sportjunky in seinen späten 50ern, der zwar Deutschland vor 30 Jahren verlassen hat, sein fränkischer Akzent hatte aber wohl beschlossen, ihn nicht alleine in die Fremde gehen zu lassen… Und dann machte ich den idiotischen Fehler, ihm zu sagen, dass ich Fußball spiele. Zack!! Wurden Salzsteuer, Pfeffermühle und Zuckersticks zu Toren, Gegnern und Spielsituationen, und es gab Taktikunterricht und Techniktrainingseinheiten gratis. Mehrmaliges „wir müssen aber langsam los“ von Aline wurde überhört, er selbst stellte im Zehnminutentakt fest, dass er eigentlich noch Termine hatte, aber das Fußballfieber hatte ihn gepackt. Das ganze wurde dann noch mit Anekdoten aus seiner Familie gespickt. Denn Helmut hat drei Söhne und eine Tochter. Die Namen der Söhne (wir schwören beim heiligen Ray Ban!): „Helmut Daniel“, „Daniel Helmut“ (und jetzt kommt der Knaller: das sind Zwillinge!!) und „Marcel Helmut“. Wir haben dann aber nicht mehr gefragt, ob seine Tochter Helmine heißt…

Erkenntnis der letzten Tage: Busfahrer sind hier super nett, aber man muss mit dem iPad Bus fahren, denn die Haltestellen haben erstens nur Nummern und werden zweitens nicht angesagt (man sagt aber immer „danke“, wenn man aussteigt). Ein Weihnachten bei 40 Grad ist eine seltsamste Sache. Aber hier kann man den ganzen Tag lang Surfshorts tragen, auch an Weihnachten. Und Weihnachtsbäume verlieren hier vor Scham über ihr eigenes furchtbares Aussehen schon vor Weihnachten alle Nadeln.

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