Wilfried, Ingrid und Helmut

Nun sind wir schon 16 Tage in Australien. Nachdem sowohl unsere Muddis als auch unsere Freunde schon öfter die Zeilen „ihr habt aber lange nix mehr geschrieben“ fallen ließen, gibt es dann heute den ersten Eintrag über Australien. Da uns der gemeine „erst waren wir da, dann dort, dann hier“-Bericht zu langweilig vorkommt, schreiben wir einfach über die interessantesten Personen und die damit verbundenen Geschichten, die uns hier über den Weg gelaufen sind.

Wilfried und Anka: nach lustigen 17 Stunden Flug, in denen wir diverse Episoden einer unserer Lieblingsserie geschaut haben, kamen wir irgendwann in Perth an. Wir mussten übrigens alle Folgen nochmal schauen, da ich während des Fluges eher mit nervösem aus-dem-Fenster-schauen beschäftigt war und die Handlung nicht so richtig verfolgen konnte… Mit einem 7-Stunden Jetlag ging es dann in unserem zuckersüßen Bed and Breakfast von Wilfried und Anka nachmittags ins Bett – bis um 14:00 Uhr am Folgetag. Die beiden lieben spät-Hippies in ihren 50ern halfen uns anschließend mit Tipps zur Umgebung fürsorglich weiter. Nachdem wir Socken und Schlüpper im Waschbecken mal wieder der Handwäsche unterzogen hatten, hingen wir sie zum Trocknen ins Bad. Als wir wieder kamen, hatte Anka sie netterweise auf ihre Leine gehängt. Herrlich, stinkende Socken und Sonntag-fast-Feinripp-Schlüpper, die man sonst bei anstehendem Besuch hinter den großen Handtüchern auf der Wäscheleine versteckt, liebevoll von der B&B-Muddi aufgehängt. Dazu unser Credo: Mut zur Baumwolle, Mädels.

Mehr aus Spaß schauten wir nach möglichen Jobs, und zack, hatten wir einen Weihnachts-Putzdeal, was uns zu unserer nächsten Bekanntschaft bringt:

Richard und Gemma: viele Emails und ein wenig Gehaltspoker später hatten wir einen Putzjob vom 22. bis 25. Dezember. Bei Richard, seiner Frau Gemma und den drei Kids (zwei Jungs und ein Mädchen. Wir haben noch nie so viel rosafarbene Sachen gesehen!), eine äußert wohlhabende Familie mit riesen Haus im Süden von Perth. Richard schrieb seine Mails ohne Punkt und Komma, was vollkommen zu seinem Sprachstil passte. Ein ums andere Mal schauten wir uns dezent verwirrt an und versuchten aus dem Kontext zu schließen, was er von uns wollte. Achja, Gemma sprach noch schneller, und liebte smalltalk. So versuchten wir möglichst immer in der Nähe des anderen zu bleiben, um bei völliger Ahnungslosigkeit dem anderen helfen zu können. Aber zur Erklärung: australisches Englisch klingt wie eine Mischung aus britischem Englisch und dem typischen rollenden „R“ der Amerikaner, gesprochen von einer 80 jährigen Dame mit dritten Zähnen und äußerst schlechter Haftcreme, die sich vorher schon schön ein paar Likörchen in den Kopf geschüttet hat.
Am 23. zogen wir dann bei Wilfried und Anka aus, und bei Ingrid ein:

Ingrid: durch eine mit dem Hobbybaukasten erstellte Internetseite mit einem Faible für IMG_0748 - Copyfiese Grüntöne wurden wir auf Ingrid aufmerksam. Ein für australische Verhältnisse unschlagbarer Preis ließ uns über Zweifel hinweg sehen und ein paar Nächte buchen. Eine gute Wahl! Man darf sich nur an etwas strengem Katzengeruch nicht stören… Ingrid ist eine kleine, leicht christlich angehauchte Österreicherin mit blondierten Haaren in ihren späten 70ern, die schon seit 30 Jahren in Australien lebt. Dabei aber einen Akzent hat, als sei sie frische Absolventin des Anfänger-Volkshochschulkurses und wollte ihre neu erworbenen Fähigkeiten mal in fremder Umgebung ausprobieren. Nichtsdestotrotz ein herzensguter Mensch, der uns direkt fünf Dollar Rabatt anbot (einfach, weil Weihnachten war) und auch mit Tipps und Ratschlägen zur Seite stand. Mittlerweile wohnen wir übrigens wieder bei ihr, und haben einfach so nochmal einen 25Dollar Rabatt bekommen. Kann man ma machen. Man muss sich eben nur an Katzen und furchtbar dreckiges Geschirr gewöhnen (wir hoffen einfach mal, dass das aus einer dem Alter geschuldeten Sehschwäche resultiert…).

Nach den arbeitsreichen Feiertagen (wir haben vorher noch nie im Leben Wände mit Gallseife geschrubbt) und Muskelkater in den Unterarmen (ich bin wirklich ein Weichei…) ging es nach Fremantle, dem am Hafen gelegenen Teil von Perth. Herrlich, noch teurer… Abends dachten wir uns aber, was kostet die Welt?! (ah, doch soviel… Na gut, dann nehmen wir ne kleine Cola…) also ab in die Weinbar, wo wir Sabrina kennen lernten.

Sabrina:
Während Aline am Tisch saß, habe ich ihr lautstark die Speisekarte, die auf einer kleinen Tafel angeschrieben war, vorgelesen. Daraufhin winkte mich eine kleine, unverschämt braungebrannte Frau zu sich heran. Nachdem ich beim dritten Winken dann auch verstanden hatte, dass sie mich meinte, bin ich also zu ihrem Tisch gegangen, wo sie mir erklärte, wir könnten gerne ihre Reste haben, sie würde sowieso nicht alles essen. Jut jut, ist uns bis dato auch noch nie in einem Restaurant passiert. Öfter mal was Neues…Nach dem dritten Mal Ablehnen ließ ich mich dann breit schlagen und wollte im Gegenzug wissen, was sie trinkt, damit man sich revanchieren könne. Man hat ja hin und wieder eine gute Kinderstube genossen… und was trank die Frau? Champus, na herzlichen Glückwunsch…
So lernten wir also Sabrina kennen, die kleine Samoanerin, Mitte 50, die drei Kinder allein großgezogen hatte und die, da sie gerade keine Wohnung hatte, in ihrem weißen Lieferwagen gegenüber der Weinbar nächtigte. Ist auch viel praktischer, spart man sich das Taxi und kann mehr Champus trinken. Sie erzählte uns dann übrigens auch ein paar Geschichten von ihrer Tochter, die Ärztin ist und ein paar Monate auf Madagaskar gearbeitet hatte. Dort gibt’s keine Anästhesie, für Kaiserschnitte darf die werdende Mama auf ein Stück Leder beißen und sich bitte nicht so anstellen.
Hach, nicht schwanger zu sein ist doch was Tolles…

Zum Abschluss noch die Begegnung des heutigen Tages:
Helmut!
Wir sitzen nichtsahnend und deutsch redend (das müssen wir uns echt abgewöhnen, das zieht immer komische Menschen an) in einem Café, plötzlich steht Helmut neben uns. Der Fußball-Talentsichter und Sportjunky in seinen späten 50ern, der zwar Deutschland vor 30 Jahren verlassen hat, sein fränkischer Akzent hatte aber wohl beschlossen, ihn nicht alleine in die Fremde gehen zu lassen… Und dann machte ich den idiotischen Fehler, ihm zu sagen, dass ich Fußball spiele. Zack!! Wurden Salzsteuer, Pfeffermühle und Zuckersticks zu Toren, Gegnern und Spielsituationen, und es gab Taktikunterricht und Techniktrainingseinheiten gratis. Mehrmaliges „wir müssen aber langsam los“ von Aline wurde überhört, er selbst stellte im Zehnminutentakt fest, dass er eigentlich noch Termine hatte, aber das Fußballfieber hatte ihn gepackt. Das ganze wurde dann noch mit Anekdoten aus seiner Familie gespickt. Denn Helmut hat drei Söhne und eine Tochter. Die Namen der Söhne (wir schwören beim heiligen Ray Ban!): „Helmut Daniel“, „Daniel Helmut“ (und jetzt kommt der Knaller: das sind Zwillinge!!) und „Marcel Helmut“. Wir haben dann aber nicht mehr gefragt, ob seine Tochter Helmine heißt…

Erkenntnis der letzten Tage: Busfahrer sind hier super nett, aber man muss mit dem iPad Bus fahren, denn die Haltestellen haben erstens nur Nummern und werden zweitens nicht angesagt (man sagt aber immer „danke“, wenn man aussteigt). Ein Weihnachten bei 40 Grad ist eine seltsamste Sache. Aber hier kann man den ganzen Tag lang Surfshorts tragen, auch an Weihnachten. Und Weihnachtsbäume verlieren hier vor Scham über ihr eigenes furchtbares Aussehen schon vor Weihnachten alle Nadeln.

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