Gone wis se wind

Ina stürzte sich todesmutig in den Melbourner Chaosverkehr. Von der schmalspurigen Schlagloch-Strasse auf die sechsspurige Innenstadtautobahn. Unser Navigationssystem, welches das letzte Update bekommen hatte als Sextanten noch regelmäßig genutzt wurden, schickte uns diesmal aber nicht in die Wüste, sondern zielstrebig zu unser neuen Unterkunft für die kommende Woche. Schnell war das Gepäck für die Großfamilie Eberz/Kunze aus Apollo geholt und wir wieder auf der pulsierenden Autobahn in Richtung Campervanrückgabestelle. Noch aufregender als die Hinfahrt gestaltete sich die Reise zurück. Nachdem wir das öffentliche Verkehrsnetz Melbournes mehrfach verflucht hatten und gut 4 Stunden damit verbracht hatten von einer Tram in die nächste zu hüpfen, landeten wir wieder bei unseren Gastgebern. Wie zwei Steine fielen wir ins Bett, welches von der Beschaffenheit eher dem Marmorfußboden der Eingangshalle des Hilton glich und schliefen selig bis zum nächsten Morgen. Frisch und munter erkundeten wir den Markt und erstanden neben Nippes und anderem Geröll auch Lamm und Hühnchenspieße für das geplante Barbie am Abend. Caz und Taryn zauberten einen Smoothie für Erwachsene und wir bereiteten Grillgemüse, das Fleisch und meinen gefangenen Fisch, den ich tiefgekühlt aufbewahrt hatte vor. Vollgefuttert und leicht beschwipst philosophierten wir über Erlebtes und das was noch vor uns lag bevor wir wieder völlig erschlagen ins Bett fielen.
Am Frühstückstisch buchten wir dann unseren Kitesurf-Kurs und sahen uns schon mit Wind im Segel und hautengen Wetsuits über das Wasser gleiten. Youtube sollte uns hier wieder in die Welt des Profikitens einführen und auch der liebe Gunnar bereitete uns seelisch und moralisch auf unser Abenteuer vor. So schwer konnte es also nicht sein, schließlich glitten die Kiter alle recht elegant über die Wellen. Weit gefehlt. Am ersten Tag machten wir uns also mit unserem Learner-Kite, der ganze 2 Quadratmeter groß war, und unserem Instructor Guido vertraut. Immerhin konnte Guido deutsch und somit sollten wir nicht an sprachliche Verständnisgrenzen stoßen. Den Kite in der Luft und wir bis zu Hüfte im Wasser – soweit, so gut! Besonders elegant sahen wir mit Schwimmweste und viel zu großem Helm nicht aus, während wir von links nach rechts über das Wasser gezogen wurden. Guide stöhnte jedes mal schmerzlich auf, wenn wir den Kite wieder ins Wasser knallen ließen. Irgendwann hatten wir den Dreh raus und der Kite machte mehr oder weniger was wir wollten und nicht mehr umgedreht. Zwei Stunden und mehrere Bodydrags später fuhren wir stolz wieder nach Hause. Wir hatten einen neuen Sport gefunden, den wir gleichermaßen feierten und in unseren Köpfen manifestierten sich bereits die ersten zukünftigen Freitagnachmittag-Gespräche, wenn wir uns von unseren Kollegen verabschiedeten und auf eine menge Knoten und Gleichgesinnte in St. Peter Ording hofften. Unser zweiter Tag im Neoprenanzug sollte uns allerdings schnell wieder auf den Meeresboden zurückholen. Da Guido keine Zeit hatte übernahm Claudi (ebenfalls eine Deutsche) unsere Unterrichtsstunde und aus dem 2 qm Kite wurde ein 7qm Kite, der uns noch auf dem Boden liegend ordentlich Respekt einflößte. Mit Claudi übten wir erneuten die Bodydrags und versuchten uns an den Kite zu gewöhnen. Anders als beim kleinen Kite hielt ich mich an Ina, die den Kite in der Hand hielt, fest und ich wiederum wurde von Claudi festgehalten. Andernfalls wäre Ina glaube ich ohne mich schon mal nach Fiji vorgeflogen. Diverse Luftlöcher erschwerten zusätzlich die Kontrolle über den Kite und waren wir bei den Unterrichtsstunden zuvor noch kurz davor zu verkünden, dass wir kiten jetzt hauptberuflich machen wollten, so verließen wir dieses Mal recht frustriert den Strand, da alles was wir gelernt hatten irgendwie nicht klappen wollte. An unserem letzten Tag im Wasser begleitete uns Guido wieder und es sollte das erste Mal sein, dass wir ein Board unter die Füße bekamen. Mit einem 6qm Kite bewaffnet schnallten wir uns das Brett unter die Füße und versuchten die ersten Wasserstarts. Wir staunten nicht schlecht, denn es klappte. Erneut beflügelt ließen wir unseren Körper vom Kite aus dem Wasser ziehen und schafften einige Meter bevor wir entweder kopfüber wieder ins Wasser vielen oder den Kite einfach losließen, weil es zu schnell wurde. Das Hochgefühl hielt allerdings nicht lang, denn kurz vor dem Ende unseres Unterrichts durchfuhr mich ein stechender Schmerz im Fuß. Ina startete gerade erneut mit dem Board als ich etwas apathisch zu Guido meinte, dass ich in etwas getreten wäre. Ich hob den Fuß und zog den Neoprenschuh aus. Sonst verspürte ich in jeglichen Gewässern immer Angst vor Haien. Diesmal blendete ich diese Angst trotz des sich rot färbenden Wassers um mich herum aus. Eine Glasscherbe hatte sich knapp 4 cm durch den Schuh und in meine Ferse gebohrt. Guido versuchte sie herauszuziehen, nachdem er mir versichert hatte, dass es sich nicht um die Spitze eines Stachelrochens handelte (bis dahin wussten wir auch noch nicht, dass die sich dort gern im Sand versteckten…) und Ina schrie von weiter vorn, dass sie zu mir wollte, um mir zu helfen. Allerdings wurde sie vom Kite nur von links nach rechts und wieder zurück gezogen. Irgendwie managten wir, dass Guido erst die Scherbe aus meinem Fuß zog und Ina dann den Kite abnahm. Am Strand wurde dann der erste-Hilfe-Kasten gezückt und ich trug zur Unterhaltung der anwesenden Angler und Kiter bei, die meinen Fuß bestaunten.
Wieder zu Hause machten wir eine Auslandsnotfalldiagnose mit meiner Schwester, die uns versicherte, dass man mit einem Druckverband ums Nähen kommen würde. Somit war ich die kommenden Tage außer Gefecht und ließ mich von Ina betüdeln. So endeten unsere letzten Tage nicht wie geplant auf dem Nachtmarkt, für den Melbourne bekannt ist und welcher der größte in der südlichen Hemisphäre ist und auch die WhiteNight, in der ganz Melbourne eine Nacht in allen Straßen feiert, ließen wir gediegen ausfallen und fröhnten stattdessen der riesen Onlinevideothek unserer Hosts.

Erkenntnis des Tages: unser erste-Hilfe-Set von TATONKA war und ist ein absoluter Segen! Wer sich in Hamburg über einen Arbeitsweg von ner halben Stunde beschwert, sollte mal nach Melbourne kommen! Und meine Frau ist die beste Krankenschwester der Welt 🙂

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