6,5 Monate im Rucksackformat

„If you’re not shaking, you need another cup of coffee“… einer meiner Lieblingssätze, denn Kaffee geht immer, überall und zu jeder Tages- und fast jeder Nachtzeit (würde er kalt schmecken, hätte ich wahrscheinlich nachts eine Tasse am Bett stehen und würde zwischen zwei Schnarchern (natürlich nur, wenn ich Schnupfen habe und auf dem Rücken liege) nochmal kurz ein Schlückchen nehmen. Naja, dieser kleine Einblick hat jetzt auch nur semi-viel mit dem zu tun, was ich erzählen wollte, es fiel mir nur gerade ein, weil ich am Montag morgen schon wieder viel zu viel von der köstlichen Bohne genascht habe…

Also, zurück zum Rucksack… Nun begab es sich, dass uns am Wochenende meine zauberhafte Familie (leider ohne Bruderherz) inklusive Tante und Onkel (yes, wenn, dann machen wir das auch richtig…) besucht hat. Und dieses Mal stand neben dem obligatorischen Shopping-Marathon noch der Kauf einiger Reiseutensilien an. Also, nix wie hin am Freitag morgen zum beliebten dreistöckigen Outdoorladen in Barmbek, in dem ich mich mittlerweile besser auskenne als der Ladendetektiv oder die Berater aus der Schuhabteilung (denn die sehen einfach nix von dem Laden außer ihren schnuckeligen Schuhbereich). Im ersten Stock angekommen, stürmte meine Familie im Rudel zielstrebig auf den nächsten wehrlosen Verkäufer zu – ich glaube, auf der Treibjagd geht’s nicht viel anders zu… Seinem Schicksal schnell ergeben, ging’s los mit der Rucksack-Beratung. Erste Frage in die Runde:“…und Sie gehören ALLE zusammen??“. Entschuldigung, aus ’nem banalen Rucksack-Kauf kann man schon mal einen Großevent machen! Und wie es sich zu jedem Anlass dieser Größe gehört, wurden auch gleich die Kameras gezückt. Ja, richtig, Kameras… Weder meiner Mum, noch meiner Tante (die Verwandtschaft lässt sich eben nicht leugnen) und erst recht nicht meinem Onkel war es zu peinlich, erst mal die Handys und Kameras zu zücken und jede noch so kleine Bewegung festzuhalten – hätten sie gewusst, wie man mit den Dingern Videos macht… sie hätten es getan… Und vorher noch ein paar Spots und Strahler besorgt, um die Szenerie auch schön auszuleuchten. Ich bin sicher, hätten sie die Nummer noch ein paar Minuten länger durchgezogen, wäre ich nach Autogrammen gefragt worden… Also, denn endlich der erste Rucksack vor mir. …und ich Idiot wollte ihn mir einfach irgendwie auf den Rücken heben. Wohlgemerkt, in dem Ding kann ich sicher bequem stehen. Aber weit gefehlt, erst die Schlaufe greifen, dann die andere Hand überkreuz drunter (…nennt man das dann „unterkreuz“…?), das Ding aufs Knie und DAAAANN, aber erst DAAAAANN darf man ihn aufsetzen. Das rote Monster auf meinem Rücken löste sogleich eine neue Welle der Begeisterung bei meiner Familie aus, Blitzlichtgewitter lies nicht lange auf sich warten. Und mein Vater, charmant wie er ist, ruft quer durch den Laden: „Ina, wo bist du denn, ich kann dich nicht mehr sehen! Ich sehe nur noch nen Rucksack mit Beinen!“ Zugegebenermaßen, das Ding trägt eher mich als ich ihn… Und dann kommt noch das richtige Einstellen an den Gurten:“bitte nach vorne beugen, an den Schüren ziehen und „zack“ aufrecht hinstellen“. Ich bin mir sicher, die Korsetts im 18. Jahrhundert haben im ersten Moment nicht anders gesessen… Und hätte irgendwer mit dem Finger gegen mich geschnippt, ich wäre nach hinten umgefallen und hilflos wie eine Schildkröte auf dem Panzer liegen geblieben… Dieses Schauspiel wiederholte sich sodann noch einige Male, irgendwann konnte ich diese Monster auch aufziehen, so mit richtiger Technik (mache ich sowieso nie wieder so…), ohne meine Arme zu verknoten. Aber kaum zu glauben, der erste Rucksack wurde letztlich auch der Favourit.

Warum ich euch die ganze Geschichte erzähle? Ja, weil sie ein wenig witzig ist. Aber wie in allen (ich hoffe mal) guten Geschichten, gibt’s zum Schluss noch eine Erkenntnis: verrücktes Gefühl, wenn man letztlich den Gegenstand in der Hand hält, der für über ein halbes Jahr all das beherbergt, was ich brauche. Meine Konstante, mein Zuhause, mein Helfer.

In diesem Sinne: habt eine tolle Woche!

I like to move it

Man sollte meinen, dass Dreamworks uns ähnlich wie Walt Disney mal wieder einen vom Pferd erzählt hat, wenn es um die militärisch organisierte Pinguin-Elitetruppe aus dem Film Madagascar geht, denn man möchte meinen, dass es auf Madagaskar gar keine Pinguine gibt. Aber am heutigen Tage wurde ich eines besseren belehrt, denn auf einmal stand Philipp vor mir – ein madagassischer Felsenpinguin. Dem Kindchenschema voll und ganz gerecht werdend sah er mich mit seinen großen Augen an und setzte sich auf mein Knie. Da sich mein Madagassisch leider noch im embryonalen Frühstadium befindet gestaltete sich die Verständigung etwas schwierig. Dennoch war nach einem kurzen Flügelschlag alles klar – Philipp war gestrandet und weit weg von zu Hause. In einer Harburger Zahnarztpraxis war ihm zu Ohren gekommen (Anmerkung der Redaktion: Hört sich komisch an, is‘ aber so), dass Ina und ich die Welt umsegeln wollten und mit Kokosnussbikini und geölter Stimme auch Madagaskar erobern wollen. Und somit offenbarte sich sein Anliegen. Philipp wollte nach Hause, zurück zu seiner Familie, die ihn wahrscheinlich schon schrecklich vermisste.

Demnach möchten wir euch hiermit unseren kleinen Begleiter Philipp vorstellen, der uns von Deutschland über Johannesburg bis nach Madagaskar begleiten wird. In ein paar Wochen kann Philipp dann endlich seine kleinen Flügel wieder um seine Eltern und Geschwister legen und am Strand von Madagaskar mit Ina im Kokosnussbikini tanzen. Und ja, es wird Fotos geben! 😉

Vom Bahnhof in die Welt

Mein erster Gedanke beim betreten des Hauptbahnhofes: hui, ganz schön ausgeprägte Homo-Quote hier. Achja, der CSD ist in der Stadt und morgen steht einmal mehr der Regenbogen über Hamburg. Wird sicher recht warm werden… (als Anhänger dieser Truppe darf ich solche Witze reißen 😉
Jedenfalls sitze ich hier so am Bahnsteig und warte auf den verspäteten (was auch sonst) Zug einer Freundin. Aber heute keine Geschichte über bräsige Bahnbedienstete oder muffigen Mitfahrer.
Sondern Gedanken zum temporären Abschied. „Ich bin ja nicht aus der Welt“ habe ich in letzter Zeit sehr häufig genutzt. Naja, aber ganz ehrlich, viel weiter weg von Zuhause geht auch nicht, sonst bin ich quasi schon wieder näher dran. Und ich lasse für ein halbes Jahr meine geliebte Stadt und meine sehr lieb gewonnenen Freunde zurück.
Und meine Familie. Nicht mehr jeden Abend ein Telefonat mit den Sätzen „was hast du heute gegessen?“ oder „bist du mal wieder krank, du hörst dich so verschnupft an?“. Nicht 15 Mails mit detaillierten Vergleichs-Berichten, weil man um die „zügige“ Anschaffung einer externen Festplatte gebeten hat (O-Ton: „bitte Papa, nicht überlegen, einfach irgend eine kaufen! Die muss weder bügeln können, noch meine Wohnung aufräumen; nur Daten festhalten!“)

Aber im Gegenzug zum „ziehen lassen“ gibt es eine Tochter, die eine weitere Zehenspitze Richtung Eigenständigkeit auf den Boden der Tatsachen stellt; bei der die Ohren Besuch vom breiten Grinsen bekommen, wenn sie an 6,5 Monate in ranzigen Hostels und undichten Zelten denkt.
Ihr Lieben, der Abschied fällt schwer, das Wiedersehen wird dafür umso schöner. Denn Vermissen zeigt eines: dass der Andere von Bedeutung ist.

Hochleistungssport 2.0

So langsam werde ich auch ohne Sport total fit für unsere Reise, denn in den vergangenen Tagen habe ich auf jeden Fall mehr Adrenalin freigesetzt als jeder Basejumper und doppelt so viele Schweißperlen produziert wie jeder zweite Leistungssaunierer. Besonders aufregend war aber der heutige Tag. Heute morgen bereits völlig verwirrt aufgewacht, machte ich mich auf den Weg zur Arbeit, wo ich orientierungslos (Sweets, ich hoffe das hat nicht von dir abgefärbt!) zwischen Kaffeemaschine und Computer umher irrte. Und dabei hatte ich doch einen Plan. Lage- und Fluchtplan waren bis ins Detail geplant und sowohl meine Nerven, als auch die meiner entzückenden Frau lagen stundenlang blank. Dann schlug es 11Uhr und ich dachte „Jetzt kann es losgehen!“. Weit gefehlt. Freunde, wir sind in der Werbung.. Timings sind dazu da gekonnt ignoriert zu werden. Und so kam eins zum andern und ich saß erst knappe zwei Stunden später im Büro mit Alsterblick.

Bei NJOY gibt es seit Kurzem den „Hose-Runter-Freitag“. Finde ich ganz lustig und hätte ich auch gern gemacht. Im übertragenen Sinne (@ Janna, das ist das mit den Bildern 😉 ) habe ich heute auf jeden Fall blank gezogen. Ich habe gekündigt! Jawohl. Und es fühlt sich verdammt gut an. Ja, ich werde mein Muckelchen schmerzlich vermissen. Sehr sogar. Über 560 Tage sind es bis jetzt. Jeden davon haben wir gemeinsam in pinken Plüsch getaucht und haben uns die Werbewelt verglitzert. Ich habe unfassbar viel gelernt. Am meisten menschliches. Aber für das sentimentale und auch das Pipi in den Augen wird später noch Zeit sein! Jetzt wollen wir anstoßen. Auf Mut. Auf Freundschaft. Auf Verlässlichkeit. Auf Veränderung. Auf alles was noch kommen wird.

68.380,2

Eigentlich haben wir es beide ja nicht so mit den Zahlen, aber ich finde diese gerade sehr erstaunlich, denn grob über den Daumen gepeilt werden wir das an Kilometern zurücklegen. Den größten Teil davon natürlich über den Wolken, aber auch zu Fuß, mit dem Esel oder elegant auf dem Longboard. Die Möglichkeiten der Fortbewegung werden sicherlich so vielseitig sein wie die Reise selbst. Und mindestens genauso spannend wie der heutige Tag, denn seit heute ist es offiziell. Also quasi so richtig. Aus einem Gedanken wuchs eine Idee und aus der Idee wird nun Realität. Dem einen macht sie Angst, uns macht sie Spaß. Wenn auch feuchte Hände heute an der Tagesordnung standen, können wir die Gläser heben und anstoßen. Die Z(w)eitreise steht. Am 12. November 2012 geht es um 18:40Uhr los. Ein letztes Mal Richtung Norden und dann nur noch der Sonne entgegen. Mit Sack und Pack und mit Ina und Aline. Wir freuen uns. Sehr!

einhundertsiebzehn…

… Tage stehen noch auf der Uhr. In Australien wären es nur noch einhundertsechzehn.

Mit jedem Tag, den wir mit intensiver Recherche füllen, rückt die Abreise näher. Die Modalitäten sind weitestgehend geklärt, die Route sowieso und das Timing wird nun auch konkret. Wir organisieren unsere Köpfe stündlich neu und füllen sie mit unzählbaren Informationen. Wir lernen vorab schon sehr viel über Länder, Kulturen und Menschen, aber wir lernen in der Tat auch jetzt schon einiges über uns. Wo sehen wir momentan unsere Grenzen und wo werden sie tatsächlich liegen? Wie überschreiten wir sprachliche Barrieren, Ländergrenzen und die persönliche Comfortzone? All das gilt es herauszufinden – vor, während und nach der Reise.

Hello world!

Ein Nachmittag auf der Couch in der Löwenhöhle. Im Hintergrund rauscht das Bildungsfernsehen von N24 an uns vorbei. Ein Satz unterbricht die Stille und springt im Kopf von Ohr zu Ohr.

„Ich würde mit dir sogar um die Welt reisen.“

Eine Weltreise bedeutet, sein gesamtes Lebenskonzept auf den Kopf zu stellen. Seine hart erarbeitete Unabhängigkeit aufs Spiel setzen, um eine neue zu finden. Horizonte erweitern und Meilensteine neu setzen. Wenn man die Wohnung ausräumt, sich vom Alltäglichen lösen muss und seinen Job aufgibt. Gewohntes zurücklassen und Altbewährtes über den Haufen schmeißen.

Life begins at the end of your comfort zone